So will Europa die Emissionen in Österreich in wenigen Jahren um 90 % senken – mit Staatshilfen und nachhaltigen Strategien

10. Juli 2025

| Lukas Steinberger

Die Europäische Kommission treibt die ökologische Transformation konsequent voran, wobei sie versucht, sowohl den Interessen der Industrie als auch den Anforderungen der Mitgliedsstaaten gerecht zu werden. Dabei setzt Brüssel auf eine Balance zwischen Flexibilität und ambitionierten Klimazielen. Kürzlich hat die EU einen Änderungsantrag zu ihrem Klima- und Energiewandel vorgelegt, der ein neues, mittelfristiges Ziel vorsieht: Bis 2040 sollen die Emissionen im Vergleich zu 1990 um 90 Prozent reduziert werden. Dieses Ziel ist deutlich strenger als die bisher geplanten 55 Prozent bis 2030, die ebenfalls auf das Jahr 1990 bezogen sind.

Ein neuer Kurs mit ambitionierten Zielen

Das angestrebte Ziel beschreibt einen deutlich kräftigeren Kurs Richtung Klimaneutralität bis 2050. Die EU versucht damit, den Herausforderungen der gegenwärtigen wirtschaftlichen und geopolitischen Lage Rechnung zu tragen. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, betont, dass es Ziel sei, die europäische Wirtschaft „bis 2050 zu dekarbonisieren, auf eine realistische und pragmatische Weise.“ Wenn man die aktuelle Situation berücksichtigt, ist eine solche Zielsetzung ein ambitioniertes Vorhaben, das eine klare strategische Ausrichtung verlangt.

Diese Neuerung fügt sich in den Rahmen des umfassenden Clean Industrial Deal, des Wettbewerbsfähigkeits-Kompasses sowie des Plans für bezahlbare Energie ein. Zusammen bilden diese Initiativen den Kern der künftigen Strategie Europas, um die Klimaziele mit wirtschaftlicher Stabilität zu verbinden.

Mehr Flexibilität im Umsetzungsprozess

Im Vergleich zu früheren Ansätzen legt die Kommission nun mehr Wert auf Flexibilität. Die vorgeschlagene Richtlinie soll Instrumente enthalten, die es den Mitgliedsstaaten und der Industrie ermöglichen, ihre Anstrengungen in einer nachhaltigen Weise anzupassen. Für den Zeitraum ab 2036 wird beispielsweise eine begrenzte Quote internationaler Kohlenstoffzertifikate eingeführt. Bis zu 3 Prozent der Emissionen von 1990 können so ausgeglichen werden, um schwer reduzierbare Emissionen zu kompensieren.

Parallel dazu wird es möglich sein, dauerhafte CO2-Entfernung innerhalb der EU in das Emissionshandelssystem (EU ETS) zu integrieren. Dabei kommen sowohl natürliche als auch technologische Lösungen infrage. Dabei kann eine europäische Papierfabrik beispielsweise CO2, das bei der Bioenergieerzeugung gespeichert wurde, in den Handel mit Emissionsrechten einbringen und dadurch Einnahmen generieren.

Des Weiteren sind stärkere sektorübergreifende Ausgleiche geplant. So kann ein Land beispielsweise eine geringere Reduktion im Agrarsektor durch eine Überperformance im Verkehrs- oder Abfallmanagement ausgleichen. Diese Flexibilität soll sicherstellen, dass die Maßnahmen den unterschiedlichen Herausforderungen der Mitgliedstaaten gerecht werden.

Auf dem Weg zu einer pragmatischen Dekarbonisierung

„Der Übergang ist gewaltig. Es ist entscheidend, sich dessen bewusst zu sein. Dabei dürfen wir keine dogmatischen Ansätze verfolgen“, erklärte Wopke Hoekstra, der EU-Kommissar für Klima, bei der Vorstellung des Vorschlags. Im Hinblick auf die flexiblen Maßnahmen merkte er an: „Zunächst werden wir eine begrenzte Menge hochwertiger CO2-Zertifikate außerhalb der EU erlauben. Diese Zertifikate müssen verifizierbar, zertifizierbar und zusätzlich sein.“

Ab 2036 wird die EU ausländische CO2-Gutschriften zulassen – also Zertifikate, die in Ländern außerhalb der Union erstellt wurden. Dadurch kann die EU einen Teil ihrer Klimaziele durch die Finanzierung grüner Projekte in anderen Ländern erreichen. Solche Initiativen generieren sogenannte „Credits“, die eine Menge an eingesparntem oder entferntem CO2 repräsentieren und am Markt verkauft werden können.

Zudem wird die europäische Selbstregulierung bei dauerhafter CO2-Entfernung ausgeweitet. So kann eine europäische Bioenergieanlage, die CO2 speichert, entsprechende Zertifikate im Rahmen des EU-Emissionshandelssystems generieren und verkaufen. Das Ziel ist auch, größere Flexibilität zwischen Regelwerken und Sectoren zwischen 2030 und 2040 zu schaffen. „Wir müssen anerkennen, dass jedes Mitgliedsland unterschiedliche Herausforderungen bei der Emissionsminderung hat“, betonte Hoekstra.

Der Spagat zwischen Dekarbonisierung und Industrieerhaltung

Die Kommission stellt parallel auch Überlegungen an, wie die europäische Industrie widerstandsfähig bleibt, ohne Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. Mit einer neuen Initiative soll das Clean Industrial Deal gestärkt werden, um sicherzustellen, dass Europas Übergang zur Klimaneutralität nicht auf Kosten der Wettbewerbsfähigkeit geht. Dabei erleichtert die Reform des staatlichen Beihilferechts die Unterstützung für energieintensive Industrien und grüne Technologien.

Zudem wird der Mechanismus des Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) überarbeitet, um Bürokratie abzubauen. Dieser Grenzausgleichsmechanismus soll verhindern, dass die europäische Industrie im internationalen Vergleich verliert, weil Importe von Produkten wie Stahl, Zement oder Düngemitteln mit hohen CO2-Emissionen in Ländern ohne vergleichbare Klimaschutzmaßnahmen günstiger sind. Unternehmen, die solche Produkte nach Europa exportieren wollen, müssen künftig eine CO2-Abgabe bezahlen, ähnlich wie in der EU.

Bis Jahresende soll eine neue Regelung für sog. Ausgleichsmechanismen vorliegen, damit Exporte in besonders emissionsintensive Sektoren mit einem verbindlichen Ausgleich versehen werden können. Die genaue Ausgestaltung ist noch offen, doch es wird spekuliert, dass diese Maßnahmen durch den Verkauf von kostenlosen Emissionsrechten, finanziert durch die Einnahmen aus dem CBAM, umgesetzt werden könnten.

Investitionen, Unabhängigkeit und eine starke Diplomatie

Das Ziel eines Reduktionsvolumens von 90 Prozent soll auch eine klare Botschaft nach außen sein. Im Vorfeld der COP30 im November in Brasilien möchte die EU ihre Führungsrolle im globalen Klimadialog festigen. Durch den Einsatz kontrollierter externer CO2-Zertifikate will die Union ihre internationale Zusammenarbeit stärken und ihre Position in der Klimadiplomatie ausbauen.

Die Kommission sieht in diesem Wandel langfristige wirtschaftliche Vorteile: eine geringere Abhängigkeit von fossilen Importen, weniger negative Klimaauswirkungen und neue Chancen für die europäische Industrie, insbesondere in den Bereichen erneuerbare Energien, Wasserstofftechnologie und CO2-Abscheidung. Nach der Vorstellung wird die Initiative dem Europäischen Parlament und dem Rat vorgelegt, um im legislativem Verfahren verabschiedet zu werden.

Lukas Steinberger

Lukas Steinberger

Ich bin Lukas Steinberger, Redakteur bei AUSTRIA24 TV mit Fokus auf Politik und Gesellschaft. Nach meinem Journalismusstudium in Wien habe ich für verschiedene Medien gearbeitet und mich auf analytische Berichterstattung spezialisiert. Mein Ziel ist es, komplexe Themen verständlich zu machen und die Perspektiven der Menschen sichtbar zu machen.