Samstag, der 5. September, Stadion San Siro in Mailand. Auf dem Feld messen sich Inter Mailand und Napoli, doch für einige Minuten verschiebt sich das Spektakel vom Spielfeld nach außen. Auf der Großbildleinwand erscheint Sfera Ebbasta: Neben dem Rapper stehen vier junge Frauen, während weitere sechs unmittelbar dahinter in den Polsterrängen sitzen. Alle tragen Schwarz.
Die Ankunftsbilder verdeutlichen das Arrangement der Szene noch deutlicher: Sfera vorne und die zehn Mädchen, die ihm folgen. Das Video landet rasch in den sozialen Netzwerken und wird viral. Es gibt jene, die dem Rapper applaudieren und ihn „King“ nennen, andere machen Witze über die Mädchen und bezeichnen sie als seine „Bodyguards“, und wieder andere beobachten: „Die wahre Aura wäre gewesen, mit der Mutter seiner Kinder einzulaufen“.
Warum Sfera Ebbasta sich mit zehn Mädchen in San Siro präsentiert hat
Hinter diesem Auftritt könnte sich eine klare Werbestrategie verbergen. Sfera Ebbasta hat ein neues Musikkonzept in Vorbereitung, und die Anwesenheit der zehn Mädchen in San Siro wurde als möglicher Hinweis auf den Launch interpretiert. Eine der beteiligten jungen Frauen, Elisa Mazzucchelli, berichtete, dass der Auftrag an ihre Agentur ergangen sei: Es seien zehn Mädchen für die Teilnahme an der Initiative benötigt worden.
Doch gerade der Erfolg der Aktion hat eine Debatte eröffnet, die weit über das Musikmarketing hinausgeht.
„Er vorne, sie dahinter“
Aufgeworfen wurde sie unter anderem vom Psychotherapeuten Alberto Pellai. Der Punkt, so Pellai, besteht nicht darin, sich darüber zu empören, dass ein Sänger das Stadion von zehn Frauen umgeben präsentiert. Es geht darum, das konstruierte Bild zu hinterfragen und vor allem das Publikum, dem dieses Bild zugänglich gemacht wird.
„Ein Mann mit zehn Mädchen, er vorne, sie dahinter. Alle gleich gekleidet, praktisch in Uniform. Von ihm wissen wir alles, von ihnen kennen wir nicht einmal die Namen“, schrieb Pellai.
Das Paradoxon, das der Psychotherapeut anspricht, betrifft vor allem die Jüngeren. Einerseits versuchen Schulen und Familien den Jugendlichen zu erklären, was Geschlechterstereotype sind und warum sie überwunden werden müssen. Andererseits setzt die Mainstream-Kultur weiterhin Modelle voraus, in denen männlicher Erfolg auch durch die Anzahl und das Aussehen der Frauen um den Mann herum dargestellt wird. „Ich verstehe die Feier und Verherrlichung eines solchen Bildes nicht“, erklärte Pellai dem Corriere della Sera.
Der gewählte Vergleich des Psychotherapeuten führt uns fast zwanzig Jahre zurück zu Lorella Zanardo’s Dokumentarfilm „Il corpo delle donne“, der zu einem der Symbole der Kritik an der Darstellung von Frauen im italienischen Fernsehen geworden ist. Damals standen vor allem die Programme des Generalfernsehens in der Kritik, in denen den Männern oft das Wort zukam, während Frauen eine vorwiegend ästhetische und dekorative Funktion zugewiesen bekam.
Die Mittel mögen sich geändert haben, scheint Pellai zu sagen, doch der Mechanismus droht derselbe zu bleiben. Nur dass heute statt des Fernsehers Instagram, TikTok und virale Videos dominieren.
Die Frage, die die Erwachsenen betrifft
Die Angelegenheit fand auch ihren Weg ins Zuhause von Pellai. Einer seiner vier Söhne, zwanzig Jahre alt, war am Samstag tatsächlich in San Siro und hatte Sfera Ebbasta auf der Großbildwand bemerkt. Vater und Sohn sprachen am Folgetag darüber.
Und vielleicht ist genau das der interessantere Aspekt der Debatte. Nicht zu klären, ob Sfera Ebbasta das Recht hatte, sich mit zehn Mädchen ins Stadion zu begeben — eine Frage, die niemand ernsthaft in Frage stellt — sondern zu verstehen, warum dieses Bild so gut funktioniert hat.
Wenn das Ziel darin bestand, Aufmerksamkeit zu erlangen, ist die Aktion perfekt gelungen: Kameras, Fotos, Videos, Memes, Artikel und Hunderttausende von Interaktionen. Die Viralisierung zeigt aber, wie stark einer der ältesten Codes der Darstellung des männlichen Erfolgs noch heute wirkt: Der Mann im Zentrum und eine Schar von Frauen um ihn herum.
Für Pellai kann die Antwort nicht einfach darin bestehen, diese Bilder zu verbieten oder zu zensieren. Vielmehr muss man lernen, sie zu lesen. „Der einzige Weg, den wir Erwachsenen haben, ist weiterhin Bildung zu betreiben und kritisches Denken zu fördern“, sagt der Psychotherapeut.