Das letzte Treffen des NATO-Gipfels in Den Haag: Was wurde beschlossen?
Der Abschluss des NATO-Gipfels in Den Haag, Niederlande, hat keinerlei Überraschungen zu Tage gefördert. Bereits im Vorfeld war die Entscheidung absehbar, doch der endgültige Gipfelbeschluss bekräftigt den gemeinsamen Willen aller 32 Verbündeten, bis zum Jahr 2035 mindestens 5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in Verteidigung und Sicherheit zu investieren. Ziel ist es, die Einhaltung der jeweiligen Verpflichtungen auf nationaler und kollektiver Ebene sicherzustellen. Diese Entscheidung ist nicht nur eine Reaktion auf den Druck des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump, der eine stärkere Lastenverteilung innerhalb der Allianz forderte, sondern auch Ausdruck der wachsendenden Sorgen Europas angesichts der zunehmenden Bedrohung durch Russland, seit der Invasion in der Ukraine 2022. Der Präsident der Vereinigten Staaten hat wiederholt betont, wie wichtig es sei, dass die Mitgliedsstaaten ihre Verteidigungsausgaben erhöhen, um den US-Beitrag in der NATO zu verringern.
Wie das Verteidigungsziel für die einzelnen Länder aufgeteilt wird
Das heute in Den Haag vereinbarte Ziel stellt eine bedeutende Steigerung gegenüber dem bisherigen 2-Prozent-Ziel dar, das im Rahmen des Wales-Gipfels 2014 festgelegt wurde. Das neue, langfristige Ziel für die nächsten zehn Jahre gliedert sich in folgende Bereiche: Es soll einAnstieg auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Schlüsselbereichen der Verteidigung erfolgen, darunter Truppen und Waffen, die bisher unter dem alten Ziel abgedeckt waren. Zusätzlich ist eine weitere Investition von 1,5 Prozent des BIP in strategisch bedeutende Sicherheitssparten vorgesehen, wie die Anpassung ziviler Infrastruktur an militärische Bedürfnisse sowie die Absicherung kritischer Netzwerke. Dazu zählen die Modernisierung von Straßen, Brücken und Häfen, um den Transit schwerer militärischer Fahrzeuge zu ermöglichen, ebenso wie erweiterte Ressourcen für Cybersicherheit sowie Schutzmaßnahmen für Öl- und Gasleitungen und Energieinfrastrukturen, die zunehmend Ziel hybrider Bedrohungen sind.
Der Gipfeltext legt fest, dass jedes Mitglied jährlich «Aktionspläne» vorlegen soll, um eine glaubwürdige und schrittweise Entwicklung der Verteidigungskapazitäten zu demonstrieren. Eine umfassendere Überprüfung der Fortschritte ist für 2029 vorgesehen.
Der mehrperspektivische Text bekräftigt zudem das grundlegende Prinzip der NATO, das in Artikel 5 des Nordatlantikvertrags verankert ist: Ein Angriff auf ein Mitglied ist automatisch als Angriff auf alle zu werten. Auf eine Frage zur Haltung gegenüber Artikel 5 antwortete US-Präsident Trump: „Ich unterstütze ihn. Dafür bin ich hier. Wenn ich ihn nicht unterstützen würde, wäre ich nicht hier.“ Wenige Stunden zuvor sorgte Trump für Verwirrung, als er andeutete, die kollektive Verteidigungsartikel könnten unterschiedlich interpretiert werden, was auf eine flexiblere Handhabung hindeuten würde.
Erhöhte Verteidigungsbudgets und Sicherheitsstrateegien im Kontext des Ukraine-Kriegs
Die generelle Erhöhung der Verteidigungsausgaben steht im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine und den verschärften Abwehrmaßnahmen gegen Russland. Der Abschlussdokument des Gipfels widmet der Ukraine ausdrücklich besondere Aufmerksamkeit, verspricht politische sowie militärische Unterstützung und hebt hervor, dass die Sicherheit Kiews eng mit der Stabilität des gesamten Euro-Atlantik-Raums verbunden ist. Dabei wird jedoch in der Erklärung keine direkte Verurteilung Moskaus für die aktuelle Aggression ausgesprochen. Russland wird vielmehr als eine «langfristige Bedrohung» für die Sicherheit der NATO identifiziert.
Die NATO bleibt in ihrer Unterstützung für die Ukraine unermüdlich. Das machte Generalsekretär Jens Stoltenberg bei einer Pressekonferenz im Anschluss an den Gipfel deutlich. Die abschließende Erklärung ändere nichts an den bestehenden Verpflichtungen der Mitgliedsstaaten, betonte Stoltenberg. Bereits jetzt seien mehr als 35 Milliarden Euro an Unterstützungsleistungen für die Ukraine zugesichert, die allein für dieses Jahr vorgesehen sind. Ziel sei es, die Kommunikationsstrategie zu verbessern, um die Effizienz der Unterstützung zu erhöhen. Die Erklärung besteht aus nur vier Hauptabsätzen plus einem weiteren Abschnitt, der das nächste Treffen in der Türkei ankündigt, samt eines vorbereitenden Gipfels in Albanien.
Spanien im Fokus der NATO-Debatte
Die Verteidigungsausgaben Spaniens bleiben innerhalb der Allianz ein umstrittenes Thema. Historisch gesehen liegt Madrid mit seinen Ausgaben unter dem NATO-Durchschnitt. Dennoch bekräftigte das Land seine Bereitschaft, die im Rahmen des NATO-Gipfels vereinbarten neuen Verteidigungsziele zu erfüllen. Während Ministerpräsident Pedro Sánchez angab, die aktuellen Verteidigungsausgaben von 2 Prozent des BIP seien „ausreichend, realistisch und im Einklang mit dem Sozialstaat“, sieht Ratifizierung der Obergrenze der Zielsetzung eine andere Realität.
NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg bestätigte die Planung Spaniens, betonte jedoch, dass die Zielmarke für alle Mitgliedsstaaten bei 3,5 Prozent des BIP liegt. Spanien dürfe, so Rutte, anstreben, die Fähigkeiten mit 2,1 Prozent des BIP zu erreichen, doch es sei wichtig, die demokratisch festgelegten Zielen einzuhalten. Stoltenberg fügte hinzu, dass die NATO die spanischen Pläne anerkennt, aber eindeutig am Richtwert von 3,5 Prozent festhält.
Meloni betont Europas Rolle in der NATO
Nach Abschluss des Gipfels unterstrich Italiens Premierministerin Giorgia Meloni die Bedeutung Europas für die kollektive Verteidigung. Sie stellte klar, dass ein eigenständiges militärisches System jenseits der NATO nicht angedacht ist. „Wir müssen entscheiden, wo wir stehen möchten. Die NATO ist das Verteidigungssystem des Westens, das auf nationalen Armeen basiert, die zusammenarbeiten“, erklärte Meloni bei einer Pressekonferenz.
Die Premierministerin warnte davor, dass ein Versuch, eine europäische Verteidigung auf eigenständiger Ebene aufzubauen, eine unnötige Doppelung oder gar einen Bruch mit der NATO bedeuten würde: „Wenn wir eine Verteidigung auf einer neuen Ebene aufbauen, hieße das entweder, die NATO zu verlassen oder die NATO dazu zu bringen, eine eigene Armee zu haben, was heute nicht vorgesehen ist.“ Sie schlug stattdessen vor, die Zusammenarbeit innerhalb der NATO zu vertiefen, etwa durch eine «europäische Säule», die auf gleicher Ebene wie die amerikanische stehen solle, um die gemeinsamen Sicherheitsinteressen zu wahren. „Der wichtigste Eindruck, den ich vom Gipfel mitnehme, ist die Geschlossenheit des Bündnisses und die Entschlossenheit, sich weiter zu stärken“, so Meloni.
Sie forderte zudem, dass die USA und ihre Alliierten „die gleiche Entschlossenheit zeigen wie bei der Waffenruhe zwischen Israel und dem Iran, um einen Waffenstillstand in der Ukraine und in Gaza zu erreichen.“ Für die italienische Premierministerin ist das klares Signal einer starken, geeinten NATO, die sich auf ihre gemeinsamen Werte besinnt.
Was bedeutet das nun für die Mitgliedsstaaten?
2024 markiert einen bedeutenden Meilenstein für die NATO hinsichtlich der Verteidigungsausgaben. Nach Schätzungen der Allianz haben im vergangenen Jahr 22 der 32 Mitgliedsstaaten die 2-Prozent-Marke erreicht oder überschritten. Dieses Ziel war über Jahre hinweg eine oft diskutierte, aber bislang nur teilweise erfüllte Vorgabe.
Insgesamt lag die kombinierte Verteidigungsausgabenquote der Mitgliedsstaaten bei 2,61 Prozent des gemeinsamen BIP. Doch hinter diesem Durchschnitt verbergen sich große Unterschiede: Polen hat die höchste Verteidigungsquote mit über 4 Prozent des BIP – ein Zeichen für die zunehmende Bedeutung der Sicherheit im östlichen Europa. Im Gegensatz dazu bleibt Spanien deutlich unter der Zielmarke, mit weniger als 1,3 Prozent, was die großen Unterschiede innerhalb der Allianz verdeutlicht.