Europa bereit, Trumps 10% Zölle zu akzeptieren – Schutz für Autos und Medikamente im Fokus

6. Juli 2025

| Lukas Steinberger

Europa ist bereit, das Unvermeidliche zu akzeptieren: eine 10-Prozent-Zollabgabe, die die USA auf den Großteil ihrer Importe aus der Europäischen Union erhebt. Doch dies geschieht nicht unter jeglichen Bedingungen.

Der europäische Handelskommissar, Maroš Šefčovič, arbeitet derzeit intensiv daran, bis Dienstag, den 9. Juli, eine Handelsvereinbarung mit der US-Regierung unter Präsident Donald Trump zu erzielen. Dabei erkennt er zwar eine gewisse Ungleichheit zugunsten der Vereinigten Staaten an, doch soll die Vereinbarung den Schutz strategischer europäischer Branchen gewährleisten, wie beispielsweise die Pharmaindustrie, Alkoholwaren, Halbleiter sowie Komponenten für die Luftfahrt.

Šefčovič wird nach Washington reisen, um dort den amerikanischen Handelsbeauftragten, Jameson Greer, zu treffen, nach den technischen Gesprächen zwischen europäischen und amerikanischen Funktionären in den letzten Tagen.

Rote Linien: Automobilindustrie und Stahl

Ein zentrales Thema für die EU ist die Automobilbranche. Auch Stahl und Aluminium stehen auf der Verhandlungstafel: Trump hat im Juni die Zölle auf diese Produkte auf 50 Prozent verdoppelt, während die Kommission eine sofortige Reduktion fordert.

Im Jahr 2024 hat die EU Waren im Wert von 52,8 Milliarden Euro in Form von Autos und Ersatzteilen in die USA exportiert, sowie 24 Milliarden Euro in Stahl und Aluminium. Die USA stellen den wichtigsten Markt für europäische Autos dar. Nach Schätzungen der Europäischen Kommission bedecken die derzeit geltenden Zölle etwa 380 Milliarden Euro, also rund 70 Prozent der EU-Exporte in die Vereinigten Staaten.

„Die Automobilindustrie ist eine rote Linie für das europäische Bündnis“, erklärte ein EU-Diplomat gegenüber Reuters. Brüssel sucht nach einer Ausnahmeregelung oder zumindest einem Quoten-System, um die Auswirkungen des bereits bestehenden 25-Prozent-Zolls auf Autos und Ersatzteile zu mindern.

Medikamente und Flugzeuge unter Druck

Neben den bereits betroffenen Branchen versucht Europa, eine Ausweitung der Zölle auf andere sensible Bereiche zu verhindern, die Trump ins Visier genommen hat. Dazu zählen Medikamente, Flugzeuge und Halbleiter. „Der Präsident hat angekündigt, dass die Tarife auf Medikamente sehr bald bekanntgegeben werden“, so europäische Diplomaten gegenüber Reuters. Deshalb fordert Brüssel präventiven Schutz für diese strategisch wichtigen Sektoren, die essenziell für die Wirtschaft des Kontinents sind.

Verhandlungsstrategie

Gemeinsam mit Šefčovič wird auch der Stabschef der Präsidentin Ursula von der Leyen, Björn Seibert, nach Washington reisen, um politische Fragen schneller zu klären. Ziel ist es, vor Ablauf der Frist am 9. Juli eine Eckvereinbarung zu erzielen. In den Europa-Angeboten gibt es auch mögliche Zusammenarbeit in strategischen Bereichen wie Liquefied Natural Gas (LNG) und künstliche Intelligenz.

„Wir sind voll und ganz in die Verhandlungen eingebunden: Eineverhandelte, für beide Seiten vorteilhafte Lösung bleibt unsere bevorzugte Option“, erklärte ein Sprecher der Europäischen Kommission gegenüber Bloomberg. „Andernfalls bleiben sämtliche Instrumente und Optionen auf dem Tisch“, fügte er hinzu.

Mögliche Szenarien

Das Verhandlungsdokument, das Washington letzte Woche vorgelegt hat, machte die Forderungen der US-Regierung deutlich, ohne Zugeständnisse zu machen. Laut europäischen Quellen, die von Reuters befragt wurden, bereiten sich die EU auf vier Szenarien vor: ein Abkommen mit einem akzeptablen Ungleichgewicht, ein von den USA zu stark verzerrtes Angebot, eine Fristverlängerung über den 9. Juli hinaus oder ein Scheitern der Verhandlungen mit anschließender Einführung neuer Zölle, bis zu 50 Prozent auf alle EU-Exporte.

Die Financial Times berichtet, die 27 Mitgliedsstaaten bestehen darauf, in den Verhandlungen eine harte Linie zu verfolgen. Es wird angenommen, dass die wahrscheinlichste Lösung für die erste Phase ein schrittweises Abkommen ist, ähnlich den Vereinbarungen, die Trump mit dem Vereinigten Königreich unter dem damaligen Premierminister Keir Starmer getroffen hat. Diese bewegte Tarife blieben zunächst bestehen, während die Gespräche weiterlaufen. In Londons Fall wurden die US-Zölle auf Autos und Stahl einige Wochen nach der ersten Vereinbarung verlängert, um niedrigere oder zollfreie Quoten zu ermöglichen.

Vorbereitete Gegenmaßnahmen

Die EU hat bereits Gegenmaßnahmen im Wert von 21 Milliarden Euro gegen amerikanische Waren wie Soja, Geflügelfleisch und Motorräder beschlossen, die momentan pausiert werden, in Erwartung der Verhandlungen. Diese gezielten Maßnahmen sollen vor allem bestimmte Bundesstaaten treffen, die republikanisch gewählt sind, etwa Louisiana, Heimat von Rechtspolitiker Mike Johnson, Sprecher des Repräsentantenhauses. Weitere 95 Milliarden Euro an amerikanischen Exportgütern wurden bereits identifiziert und könnten im Falle eines Scheiterns der Verhandlungen ebenfalls mit Zöllen belegt werden – darunter Boeing-Flugzeuge, US-Autos und Bourbon. Die Europäische Kommission prüft auch nichtzolläre Maßnahmen wie Exportbeschränkungen und Ausschreibungsregeln im öffentlichen Einkaufswesen.

Europa ist somit gut vorbereitet, um im Fall der Fälle eine angemessene Reaktion auf die US-Zollpolitik zu zeigen, wobei die Verhandlungsergebnisse weiterhin oberste Priorität haben.

Lukas Steinberger

Lukas Steinberger

Ich bin Lukas Steinberger, Redakteur bei AUSTRIA24 TV mit Fokus auf Politik und Gesellschaft. Nach meinem Journalismusstudium in Wien habe ich für verschiedene Medien gearbeitet und mich auf analytische Berichterstattung spezialisiert. Mein Ziel ist es, komplexe Themen verständlich zu machen und die Perspektiven der Menschen sichtbar zu machen.