Deutschland droht ohne Gas dazustehen – Italiens Gas- und Stromrechnungen steigen

28. November 2025

| Lukas Steinberger

Deutschland beginnt den Winter mit deutlich weniger gefüllten Gasspeichern als erwartet. Laut dem neuesten Update der „INES-FAS-Szenarien“, veröffentlicht am 18. November von der Vereinigung der Speicherbetreiber (Initiative Energiespeichern), liegen die deutschen Speicher Anfang November bei rund 75 Prozent der Kapazität: ein ungewöhnlich niedriges Niveau, das sowohl unter dem Durchschnitt der vergangenen Jahre als auch unter dem technisch möglichen Füllstand liegt.

Im schlimmsten Fall – so kalt wie der Winter 2010 – zeigen die Simulationen, dass die deutschen Gasspeicher möglicherweise bereits Mitte Januar vollständig leer sein könnten, mit dem konkreten Risiko, den Bedarf nicht mehr vollständig decken zu können, obwohl Haushalte und Unternehmen Sparmaßnahmen ergreifen.

Warum sind die Gasspeicher so leer?

Der Befund, der sich aus den Grafiken und Dokumenten von INES ergibt, ist eindeutig. Im April begann Deutschland das neue Speicherjahr mit einem Füllstand von 29 Prozent der Kapazität, einem bereits niedrigen Ausgangsniveau. Im Sommer setzten sich die Einspeisungen in die Speicher fort, jedoch deutlich langsamer als 2023 und 2024 sowie im restlichen EU-Raum. Anfang November lag die Befüllung der Speicher statt bei über 80 Prozent, wie zuvor geschätzt, bei 75 Prozent, obwohl rund 81 Prozent der deutschen Speicherkapazität vertraglich von den Betreibern gebucht waren.

Die Daten zu den deutschen Gasspeichern

Nach INES hätte die Bundesregierung die Instrumente des Gasspeicher-Gesetzes nutzen können, um die Betreiber stärker zur Befüllung der Speicher zu drängen, hat dies jedoch nicht getan.

INES-Szenarien: Wann die Kälte zum Problem wird

Ausgehend vom tatsächlichen Befüllungsstand (75%), hat INES drei Szenarien für den Winter 2025/26 modelliert und dabei verschiedene europäische meteorologische Jahre als Referenz verwendet.

  • Szenario „mild“ (Winter wie 2020): der Verbrauch bleibt relativ moderat. Die Speicher leeren sich, aber moderat: Ende März ist noch Gas vorhanden, und die gesetzliche Mindestschwelle von 30 Prozent am 1. Februar 2026 wird eingehalten.
  • Szenario „normal“ (Winter wie 2016): der Einsatz der Speicher ist stärker, aber auch hier wird die 30-Prozent-Schwelle zum 1. Februar eingehalten. Deutschland endet die Saison mit deutlich reduzierten Lagern, jedoch ohne Versorgungsunterbrechungen.
  • Szenario „sehr kalt“ (Winter wie 2010): Hier kommt der echte Alarm: Laut den von INES veröffentlichten Kurven würden die deutschen Speicher bereits Mitte Januar vollständig leer sein. Von diesem Zeitpunkt an könnten selbst bei Beibehaltung des aktuellen Sparniveaus die Verbräuche nicht mehr vollständig gedeckt werden.

In der Praxis bedeutet das: Falls der Winter 2025/26 dem Winter 2010 ähneln sollte, stünde Deutschland mitten in der Saison vor Gasnot, mit möglichen Rationierungen in der Industrie und gezielten Einschnitten beim Verbrauch, um die am stärksten gefährdeten Verbraucher zu schützen.

Das europäische Bild ist paradoxerweise weniger alarmierend als das deutsche: Laut Daten der Europäischen Kommission lagen die EU-Speicher am 1. Oktober 2025 bei 83 Prozent, ein Niveau, das als ausreichend gilt, den Winter auch ohne russisches Gas zu überstehen, und die Saison mit Speichern um rund 35 Prozent der Kapazität abzuschließen.

Das eigentliche Problem der geringen deutschen Gasspeicher

Das extreme INES-Szenario bedeutet nicht automatisch, dass im Januar die deutschen Haushalte frieren werden. Doch Deutschland könnte, um Versorgungsrationierungen zu vermeiden, gezwungen sein, mehr Gas am Spotmarkt zu kaufen, vor allem LNG, was die europäische Nachfrage gerade in der Verbrauchsspitze erhöhen würde. Höhere Großhandelspreise würden sich in teureren Abrechnungen in ganz Europa, auch in Italien, niederschlagen, und neue Risiken für energieintensive Industrien mit sich bringen.

Für Italien – das heute mit Speicherniveaus in der Nähe der europäischen Durchschnittslage oder darüber in den Winter geht – besteht das Problem weniger in der physischen Gasverfügbarkeit als in Preis und Marktvolatilität im Fall von Spannungen rund um den wichtigsten europäischen Hub.

Lukas Steinberger

Lukas Steinberger

Ich bin Lukas Steinberger, Redakteur bei AUSTRIA24 TV mit Fokus auf Politik und Gesellschaft. Nach meinem Journalismusstudium in Wien habe ich für verschiedene Medien gearbeitet und mich auf analytische Berichterstattung spezialisiert. Mein Ziel ist es, komplexe Themen verständlich zu machen und die Perspektiven der Menschen sichtbar zu machen.