Was uns der Tod der Kessler lehrt
Die Zwillingsschwestern Kessler sind tot. Vor den ersten Schlagzeilen, die am Montagnachmittag in Web- und Sozialmedien kursierten, war die Reaktion aller von tiefer Ungläubigkeit geprägt. Die Vorstellung, dass zwei Schwestern, die ein Leben in einer Symbiose zwischen Öffentlichkeit und Privatem führten, gemeinsam gestorben sind, war objektiv schockierend – und doch dramatisch wahr.
Nach dem anfänglichen Schock und der Erkenntnis, dass es sich um einen assistierten Suizid handelte, wurde das Thema für manche romantisch, für andere noch makaberer. Das sind die Antworten, die jeder auf den Tod gibt, aber auch – vielleicht vor allem – die Bedeutung, die wir dem Leben beimessen, die den Unterschied macht. Und die Kessler-Zwillingsschwestern, die in ihrer ganzen Karriere das Bild einer goldenen Ära des italienischen Fernsehens verkörperten, von Prominenz und Licht, die neben der Berühmtheit oft auch einen sozialen Aufstieg für jene boten, die davon profitierten, haben dies sehr klug mit dieser Entscheidung deutlich gemacht.
Ein Leben in Symbiose
Die Kindheit in der Ostzone Deutschlands während des Krieges, der Debüt mit 17 Jahren am Lido in Paris als Tänzerinnen, dann – 1961 – der unaufhaltsame Erfolg in Italien und die Festigung im Showgeschäft, doch auch in der kollektiven Vorstellung unseres Landes, die ihnen die überstrapazierte Bezeichnung „Ikonen“ nicht mehr abnehmen wollte. Oder besser gesagt: „Ikonen“, wegen ihrer echten Verschmelzung. Alice und Ellen waren immer die Kessler, ein einziger Name, eine einzige Identität. Ewige Synchronität in ihren berühmten und unvergesslichen Choreografien, obsessiv symmetrisch, sowohl auf der Bühne als auch im Leben.
Keine von beiden hat jemals heiratet oder Kinder bekommen. Es war Ellen, die die längste Beziehung führte, zwanzig Jahre lang mit dem Schauspieler Umberto Orsini. In einem Interview von 2012 mit Daria Bignardi bei „Le Invasioni Barbariche“ gestand sie jedoch, dass sie sich wenig sahen, weil es schwer war, die Verlobung mit der Arbeit und der Zwillingsschwester zu vereinbaren. „In zwanzig Jahren hätten wir uns elf Mal gesehen“, sagte sie. In demselben, rein gemeinschaftlichen Interview sprachen beide über Männer als ‚Zubehör‘, nie als Lebensgefährten. Selbst Burt Lancaster, mit dem Ellen eine kurze Affäre hatte. Es waren schon sie, die sich gegenseitig unterstützten, und es genügte ihnen, füreinander da zu sein.
So haben sie es bis zum Schluss gehalten. Nachdem der Glanz der Scheinwerfer verblasst war, hatten sie sich weder künstlerisch neu erfunden noch gemeinsam noch einzeln. Die Kessler waren die Kessler, drinnen und draußen vor dem Fernsehen. Sie wohnten im selben Haus in München. Zwischen den beiden spiegelgleichen, fast gleich eingerichteten Wohnungen stand eine Schiebetür. Das realistischste Porträt eines Lebens, in dem vielleicht die Individualität etwas verloren gegangen ist, aber die Liebe blieb. Eine so heftige, dass es keiner der beiden gestattet hätte, sich eine Zukunft ohne die andere vorzustellen – und niemand sollte sie deshalb verurteilen, nur weil sie weniger „konventionell“ war. Man könnte eine psychologischere als ethische Analyse wagen, doch das ist ein anderes Kapitel.
Die Entscheidung, gemeinsam zu sterben
In zahlreichen Interviews hatten sie gesagt, sie wollten gemeinsam sterben. Jetzt erst verstehen wir, dass das kein bloßer Spruch war. Wahrscheinlich hatten sie es schon früher beschlossen, als der Tod noch nicht ganz oben auf ihrer Gedanken- und Sorgenliste stand und der assistierte Suizid noch keine Option war. In Deutschland ist es seit 2020 erlaubt, und es ist nicht nötig, schwer krank zu sein – so wie es bei Alice und Ellen nicht der Fall war. Es genügt, wenn eine Person keine Perspektive mehr für ihr Leben sieht oder diese Perspektive ihr nicht mehr gefällt, wie die Vorstellung, irgendwann in ein Altenheim zu müssen. Was den Kessler-Schwestern hätte passieren können.
Umstritten, aber nicht zu verurteilen. Das sollte uns ihre freie Entscheidung lehren. Man mag glauben, der freie Wille müsse vor dem Tod enden, dass ein Leben auch in den Neunzigern lebenswert ist, indem man den Abschied von jenen annimmt, die vor uns gehen, doch man sollte sich nicht anmaßen, über die Zerbrechlichkeit und Einsamkeit des Menschen zu urteilen. Zum ersten Mal bringen uns die Kessler nicht zum Tanzen oder Singen, sondern zum Nachdenken. Und vielleicht, für die Klugen unter uns, zu einem Dialog. Vielmehr als „Dadaumpa“.