Nach dem NATO-Gipfel in Den Haag: Ein herausfordernder EU-Rat in Brüssel
Am Tag nach dem NATO-Gipfel in Den Haag versammeln sich heute die Führer der 27 EU-Mitgliedsstaaten in Brüssel zu einem Rat, der mit großem Aufwand erwartet wird. Angesichts des angespannten internationalen Umfelds und der schwierigen politischen Lage verspricht das Treffen alles andere als einfach zu werden. Über die kommenden zwei Tage hinweg streben die Staats- und Regierungschefs das Ziel an, Einigkeit und Verlässlichkeit in einem Kontinent zu demonstrieren, der durch unterschiedliche Positionen bezüglich der russischen Invasion in der Ukraine sowie im Hinblick auf die Beziehungen zu Donald Trump zunehmend gespalten ist.
Die NATO, Verteidigungsausgaben und die kommenden Investitionen Italiens
Der EU-Rat wird vor eine bedeutende Herausforderung gestellt: das gemeinsame Vorgehen bei Verteidigungspolitik und Verteidigungsausgaben. Es wird erwartet, dass die Diskussionen um die Verpflichtung, mindestens 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auszugeben, sich intensiv gestalten. Für Italien ist dies vor allem eine Frage der Investitionsplanung für die nächsten zehn Jahre, bei der konkrete Budgets und strategische Prioritäten festgelegt werden sollen.
Die Tagesordnung ist äußerst umfangreich. Der Abschlusstext, der noch der Feinabstimmung bedarf, enthält eine Vielzahl unterschiedlicher Themen, die von dem Ukraine-Krieg über die Spannungen im Nahen Osten bis hin zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit reichen. Auch die transatlantischen Handelsbeziehungen und die Regulierung der Migration sind wichtige Punkte. Im Mittelpunkt stehen jedoch die USA, um die herum die wichtigsten Handelsentscheidungen getroffen werden dürften.
Handelspolitik und die Beziehung zu Trump: Drohungen und Chancen
Die Drohungen von Ex-Präsident Donald Trump, die Zölle auf spanische Produkte aufgrund der Weigerung Madrids, das Ziel von 5 Prozent des BIP für Verteidigung auszugeben, zu verdoppeln, bilden den Hintergrund für die Diskussionen zwischen den EU-Führungspersönlichkeiten. Dabei nehmen die Mitgliedstaaten sehr unterschiedliche Positionen ein. Während einige eine harte Haltung gegenüber den USA einnehmen, sind andere offen für einen Kompromiss: Die EU-Länder erwägen, Zölle bis zu 10 Prozent zu akzeptieren, wenn im Gegenzug die höheren Zölle auf Stahl und Aluminium abgeschafft werden.
Militärausgaben, die spanische Ablehnung und Trumps Ärger: „Schrecklich, was sie getan haben – die Zölle werden verdoppelt“
Es wird zudem diskutiert, wie europäische Märkte in strategischen Schlüsselbereichen, etwa bei kritischen Rohstoffen und Halbleitern, besser integriert werden können. Die Europäische Kommission betont die Bedeutung der Souveränität bei Regularien, sieht sich aber gleichzeitig dem Druck verschiedener Mitgliedstaaten ausgesetzt, bestimmte Vorschriften aufzuweichen. Diese Länder argumentieren, dass zu strenge Regelungen, die laut ihnen die Wettbewerbsfähigkeit europäischer und amerikanischer Unternehmen beeinträchtigen, abgeschafft werden sollten, um Sicherheitsrisiken zu minimieren.
Der Ukraine-Konflikt und die europäische Expansion: Blockierte Mitgliedschaft?
Ein wesentlicher Schwerpunkt wird auf die Invasion Russlands in der Ukraine gelegt. Zwar beherrscht dieses Thema nach wie vor das politische Geschehen, doch in den letzten Wochen ist die Aufmerksamkeit der europäischen Führung verstärkt auf den Nahen Osten gerichtet. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wird per Videokonferenz zu den Versammlungen zugeschaltet, um die neuesten Entwicklungen an der Front, die finanzielle Stabilität seines Landes und die Dringlichkeit einer verstärkten militärischen Unterstützung zu besprechen.
Im Zentrum seiner Ansprache steht vor allem die EU-Beitrittskandidatur seines Landes, die aufgrund des uneinnehmbaren Vetos Ungarns nahezu eingefroren ist.
Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán kann sich auf die Unterstützung eines weiteren europäisch-nahestehenden Führers stützen: den slowakischen Premierminister Robert Fico, mit dem er immer engere Beziehungen pflegt. Beide, die stark auf russische Energie angewiesen sind, positionieren sich zunehmend gegen den von der Europäischen Kommission vorgeschlagenen Fahrplan, der den schrittweisen Abbau aller russischen fossilen Brennstoffe bis Ende 2027 vorsieht. Sie argumentieren, dass derartige Maßnahmen ihre Energiesicherheit gefährden und die Verbraucherpreise in die Höhe treiben könnten. Falls die Vorhaben umgesetzt werden, verlangt die Slowakei „garantierte“ Schutzmaßnahmen, um „negative Auswirkungen“ auf die Wirtschaft zu verhindern – eine Formulierung, die in Brüssel oft als versteckte Forderung nach finanziellen Ausgleichsleistungen oder Ausnahmen interpretiert wird.
Richter und Fico könnten zudem das nächste Sanktionspaket gegen Russland verzögern, das nach intensiven Verhandlungen einsatzbereit wäre.
Vorwürfe gegen Israel wegen Menschenrechtsverletzungen in Gaza
Der Gipfel findet zwei Tage nach der Ankündigung Trumps eines Waffenstillstands zwischen Israel und Iran statt. Obwohl die Spannungen zwischen den beiden Regionalmächten hoch bleiben, hält die Vereinbarung bislang Stand. Währenddessen bleibt die Diskussion über Menschenrechtsverletzungen in Gaza relevant. Viele Staats- und Regierungschefs sprechen von einem möglichen Völkermord, was die Debatte innerhalb der EU zusätzlich polarisiert.
Die Meinungen darüber, wie mit Israel umzugehen sei, sind gespalten: Während Länder wie die Niederlande und Irland eine Revision des EU-Israel-Assoziierungsabkommens fordern, befürchten andere, darunter Italien und Deutschland, eine Abschottung, die die Beziehungen weiter verschlechtern könnte. Ziel ist nach wie vor, die Feindseligkeiten zu beenden und humanitäre Zugänge nach Gaza zu gewährleisten. Es besteht jedoch kein Konsens darüber, welches Druckmittel das richtige sei. In einer Entwurffassung der Schlussfolgerungen, die der AGI vorliegt, heißt es: „Der Europäische Rat erkennt die laufende Überprüfung der Einhaltung des Artikels 2 des EU-Israel-Assoziierungsabkommens durch Israel an und bittet den Rat, im Juli 2025 weitere Diskussionen zu führen, unter Berücksichtigung der Entwicklung vor Ort.“
Migration und die Lage in Libyen
Das Thema Migration kehrt in den Fokus zurück, vor allem im Zusammenhang mit Libyen. Hierbei spielen die Herausforderungen für die Sicherheit Europas eine zentrale Rolle. Italien drängt auf eine striktere Steuerung der Migrationsströme aus dem nordafrikanischen Land, das weiterhin als eine direkte Bedrohung gesehen wird. Die Diskussionen über Maßnahmen, um illegale Migration zu begrenzen, gewinnen an Dringlichkeit und könnten Auswirkungen auf die europäischen Strategien zur Migrationspolitik haben.