So kann Italien das Mercosur-EU-Abkommen stoppen, das unsere Produkte auf unseren Tellern revolutionieren könnte.

29. Dezember 2025

| Lukas Steinberger

Nach mehr als einem Vierteljahrhundert Verhandlungen droht das Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem Mercosur genau in den entscheidenden 48 Stunden des Europäischen Rates zu scheitern. Die Kommission will das politische Mandat erhalten, um am Samstag, dem 20. Dezember, in Foz do Iguaçu, Brasilien, zu unterzeichnen. Doch Paris und Rom fordern eine Verschiebung: Zu viele Unwägbarkeiten gebe es für Bauern und Viehzüchter.

Was ist das EU-Mercosur-Abkommen und warum zählt es?

Der Vertrag betrifft die Europäische Union und die Mercosur-Staaten (Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay, wobei Bolivien als assoziiertes Land gilt). Ziel ist es, eine weitläufige Freihandelszone zu schaffen, indem die meisten Zölle zwischen den beiden Blöcken reduziert oder abgebaut werden. Für Europa bedeutet das mehr Spielraum, Autos, Maschinen, chemisch-pharmazeutische Produkte und einen wesentlichen Teil der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft zu exportieren (Wein, Schokolade, Olivenöl und Käse). Für die lateinamerikanischen Länder größerer Zugang zum europäischen Markt für Rohstoffe und Agrarprodukte, von Fleisch über Geflügel bis Zucker und Derivate der Soja.

Auf dem Tisch steht nicht nur Handel: Brüssel sieht den Mercosur auch als geopolitischen Baustein, um Partner und Wertschöpfungsketten zu diversifizieren, insbesondere in einer Zeit, in der der globale Handel von neuen Barrieren und Zöllen geprägt ist (vor allem jenen der Vereinigten Staaten unter Donald Trump).

Wer drängt und wer bremst: der Zankapfel zwischen Industrie und Kampagnen

Unter den Befürwortern des Abkommens bewegen sich vor allem Länderregierungen, die stark auf Export ausgerichtet sind. Berlin und Madrid drängen darauf, die Unterschrift noch in diesem Jahr zu erreichen: Deutschland sieht im Mercosur einen Markt, auf dem es mehr Autos und Maschinen verkaufen kann, während Spanien Chancen für Wein und Olivenöl betont.

Auf der Gegenseite beharrt Frankreich unter Präsident Emmanuel Macron darauf, dass die Garantien unzureichend seien, und warnt, dass es keinen „erzwungenen Durchschritt“ ohne Gegenseitigkeit und Spiegelmaßnahmen bei den Standards akzeptieren werde. Italien, vertreten durch Giorgia Meloni, schließt die Tür nicht, hält die Unterzeichnung jedoch für „zu früh“: Es will ein Schutzpaket für die Landwirte, bevor die Freigabe erfolgt. Während Meloni Lob von Coldiretti erhält, drängen Industrie- und Teile des Exports darauf, eine Chance in einem Gebiet, in dem Italien vor allem Industrieprodukte verkauft, nicht zu verpassen.

Das politische Risiko besteht darin, dass sich das Fenster schließen könnte. Der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hat die Rhetorik verschärft: Wenn das Abkommen nicht bis Dezember abgeschlossen wird, könnte Brasilien sich davon lösen und eine andere Strategie verfolgen, nach weiteren Abkommen suchen. In einer Botschaft an die Europäer sagte Lula, sein Land habe bereits alles Mögliche auf diplomatischer Ebene gewährt, und dass es bei einem erneuten Stillstand „hart mit ihnen“ umgehen werde.

Der Landwirtschaftsknoten: Quoten, Konkurrenz und Standards

Der hartnäckigste Widerstand kommt aus der europäischen Landwirtschaft, die befürchtet, dass Importe zu niedrigeren Preisen und mit weniger strengen Umwelt-, Pflanzenschutz-, Rückverfolgbarkeits- und Tierschutzstandards hereinkommen könnten. Symbolisch steht Rindfleisch im Zentrum: Die Kommission betont, dass es nicht zollfrei wäre, sondern mit einem Kontingent von 99.000 Tonnen und einer Einfuhrabgabe von 7,5 Prozent belegt würde.

Um die Einigung politisch besser vermittelbar zu machen, wurden in den letzten Wochen Schutzmaßnahmen beschleunigt. Brüssel, das Europäische Parlament und der Rat haben an einer Klausel gearbeitet, die es erlaubt, die tariflichen Vorteile für sensible Produkte (wie Rindfleisch, Geflügel und Zucker) auszusetzen, wenn Importe zu stark wachsen oder die Preise stark fallen: Nach dem Streit darüber, ob eine Grenze von 10% oder 5% gelten soll, wurde eine Einigung erzielt, die einen „Trigger“ bei 8% festlegt, verbunden mit dem Versprechen, Inspektionen und Kontrollen auch in den Exportländern zu verstärken.

Proteste in Brüssel, im Hintergrund der Kampf um die GAP

Der Tag des Europäischen Rates wird von Bauernprotesten begleitet: Nach Angaben der Organisatoren könnten in Brüssel bis zu 10.000 Demonstranten in der belgischen Hauptstadt teilnehmen. Die Ablehnung des Mercosur verknüpft sich jedoch mit einem weiteren Kampf: der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) und der Angst vor Budgetkürzungen sowie einer Fusion der Mittel, die die Ressourcenabsicherung für die Branche verringern könnte.

Darüber hinaus wird in Frankreich die Spannung auch durch die gesundheitliche Situation in den Tierbeständen angeheizt: In den letzten Wochen hat das Thema der ansteckenden nodulären Dermatitis (Lumpy Skin Disease) und die Maßnahmen zur Schlachtung einen Teil des Sektors zusätzlich belastet und jedes Dossier, das Fleisch betrifft, noch explosiver gemacht.

Was passiert als Nächstes: der Zeitplan und die Unsicherheit der Abstimmung

Der politische Schritt ist der Schlüssel: Zur Unterzeichnung ist eine qualifizierte Mehrheit der Regierungen erforderlich (mindestens 15 Länder, die 65% der EU-Bevölkerung vertreten). Derzeit ist die Mathematik eng: Wenn Italien aussteigt, könnte Frankreich Raum gewinnen, eine Blockade zu bilden; wenn Rom zurückkehrt, könnte das Abkommen auch ohne Paris vorankommen. Dennoch wäre das Rennen nicht vorbei, selbst bei einer eventuellen Unterzeichnung in Brasilien: Die Zustimmung des Europäischen Parlaments wird benötigt, und dort bleiben die Zahlen unsicher, zwischen parteiübergreifendem Widerstand und Forderungen nach juristischen Prüfungen am Aufbau des Abkommens.

Lukas Steinberger

Lukas Steinberger

Ich bin Lukas Steinberger, Redakteur bei AUSTRIA24 TV mit Fokus auf Politik und Gesellschaft. Nach meinem Journalismusstudium in Wien habe ich für verschiedene Medien gearbeitet und mich auf analytische Berichterstattung spezialisiert. Mein Ziel ist es, komplexe Themen verständlich zu machen und die Perspektiven der Menschen sichtbar zu machen.