Eine epochale Flut von Migrantinnen und Migranten mit Fotos und Videos, die schnell um die Welt gegangen ist. Nur wenige Tage nach der massiven Landung von über 40.000 illegalen Einreisenden in die spanische Enklave Ceuta mehren sich Fragen und Verdachtsmomente hinsichtlich einer möglichen koordinierten Aktion und ihrer Urheberinnen und Urheber.
Die Zeugenaussagen gegen die marokkanische Polizei
Die marokkanischen Behörden bestreiten weiterhin, die Einreise von Tausenden Migrantinnen und Migranten in die spanische Enklave Ceuta begünstigt zu haben und weisen das Ereignis ausschließlich auf das Handeln der Netzwerke von Menschenhändlern zurück. Allerdings beschreiben einige Zeugenaussagen, die dem Guardian vorliegen, eine andere Dynamik und nähren die Verdachtsmomente, dass Rabat absichtlich die Grenzkontrollen gelockert haben könnte.
Der Ceuta-Krimi: Die Menschentraube, die die spanische Regierung narren konnte
Zu ihnen zählt Youssef El Abbas, ein 44-jähriger Marokkaner, der jahrelang in Bilbao gelebt hatte, bevor er 2019 nach Arbeitsverlust abgeschoben wurde. Der Mann berichtet, dass er beschlossen habe, das Grenzgebiet zu erreichen, nachdem er in sozialen Netzwerken und in lokalen Medien gelesen hatte, dass die marokkanischen Behörden Menschen, die nach Ceuta wollten, passieren ließen. Als er in Fnideq ankam, der Stadt, die an die spanische Enklave grenzt, habe er eine ungewöhnliche Situation vorgefunden: Die üblichen Straßensperren, die normalerweise verhindern sollen, dass Bürgerinnen und Bürger ohne europäische Papiere die Grenze nahekommen, waren entfernt worden.
Seiner Darstellung zufolge hätten marokkanische Beamte die Menge sogar aufgefordert, sich zum Grenzgebiet zu bewegen, und gerufen: „Geht, lauft nach Spanien.“ El Abbas behauptet außerdem, eine unterschiedliche Behandlung unter den Migranten bemerkt zu haben: Während marokkanischen Staatsbürgern der Weg zum Meer ungehindert gestattet worden sei, würden Migranten aus Subsahara-Afrika mit Gewalt zurückgedrängt. In wenigen Minuten sei es ihm gelungen, das spanische Hoheitsgebiet schwimmend zu erreichen.
Appelle auf Social Media und weitere Zeugnisse
Die Aussagen von El Abbas stellen keinen endgültigen Beweis für eine Beteiligung der Rabat-Behörden dar, sie fügen sich jedoch in einen Kontext ein, der den politischen Schlagabtausch zwischen Spanien und Marokko entfacht hat. Madrid sprach von einer schweren Verletzung der eigenen territorialen Integrität, während verschiedene Beobachter vermutet haben, dass die Gelockerung der Kontrollen als Druckmittel in der Diplomatie verwendet worden sein könnte.
Unterstützt wird die Verdachtslage gegenüber dem marokkanischen Sicherheitsapparat auch von der spanischen Presse. El País berichtete, dass viele Migrantinnen und Migranten sich auf den Weg gemacht hätten, nachdem sie erfahren hätten, dass die Grenzkontrollen gelockert worden seien. Ähnliche Zeugnisse wurden auch von Corriere della Sera gesammelt, das Berichte einiger marokkanischer Bürger wiedergibt, die überzeugt seien, von den Behörden ihres Landes als echte „Spielsteine“ benutzt worden zu sein. Laut diesen Darstellungen hätten einige Beamte sogar den Weg nach Ceuta gezeigt.
Zu alldem sollen außerdem falsche Informationen in den sozialen Netzwerken beigetragen haben, wonach Spanien die Grenzen zum Marokko geöffnet habe. Digitale Desinformation hätte somit dazu beitragen können, eine außergewöhnliche Exodus zu nähren, die Tag für Tag immer deutlicher die Konturen eines diplomatischen Rätsels annimmt.