In Ceuta ist das Schlimmste vorüber, doch die Notlage ist noch nicht ganz überwunden. Obwohl der Großteil der Migrantinnen und Migranten bereits nach Marokko zurückgekehrt ist, übersteigt das Aufnahmezentrum der Exklave, das nur etwas mehr als 500 Menschen aufnehmen soll, seine Kapazität deutlich. Laut dem Sender Antena3 warten weiterhin Hunderte von Menschen draußen auf Essen, Wasser oder einen Schlafplatz.
„Hier gibt es kein Essen, nichts; man kann nicht schlafen, es gibt keinen Arzt, nichts von alledem“, beklagt einer der jungen Menschen, die es geschafft haben, die Grenze zu überqueren. Nicht alle Einwanderer haben sich entschieden, zurückzukehren, doch es ist schwer abzuschätzen, wie viele noch in Ceuta verweilen. Nicola Cecchi Bisoni, der italienische Tourismusbeauftragte der Stadt, sagte, dass sich in der Exklave immer noch zehntausend Personen befinden, die abgeschoben werden müssten. „Sie schlafen auf der Straße“, erklärte er der Zeitung La Nazione, „sie verstecken sich in den Feldern“.
Der Präsident von Ceuta, Juan Jesús Vivas, hat daraufhin die Schätzung korrigiert: Es sollen noch zwischen 3.000 und 5.000 Migrantinnen und Migranten in der autonomen Stadt sein, nachdem die territoriale Integrität Spaniens durch einen Zustrom von 80.000 Menschen verletzt wurde. „Diese Angst, diese Furcht und dieses Gefühl von Hilflosigkeit und Schrecken, das die Bürgerinnen und Bürger von Ceuta erleben, hinterlässt weiterhin eine Spur in unserem kollektiven Bewusstsein“, fügte er hinzu.
Der Präsident der autonomen Stadt hob hervor, dass die Situation nicht mehr dieselbe ist wie Donnerstag und Freitag, wies jedoch darauf hin, dass „in vielen Bereichen Maßnahmen ergriffen werden müssen, damit so etwas nicht wieder passiert“.
Das Jonglieren mit den Zahlen
Zur Zahl der angekommenen Personen gehen die Schätzungen auseinander. Nach Angaben der marokkanischen Behörden hätten „nur“ 40.000 Personen die Grenze überquert, doch vermutlich liegen die Zahlen höher. Quellen des spanischen Innenministeriums sprechen von 60.000 in die Enklave eingebrachten Migranten, von denen 48.000 nur wenige Stunden später zurückgekehrt seien, während Quellen der Sicherheitskräfte, zitiert von der Zeitung „El Faro de Ceuta“, behaupten, dass die Eintritte über 80.000 lagen, aber 77.000 Migranten bereits wieder die Grenze überschritten hätten.
Tausende Migranten in Ceuta – Foto AP LaPresse







In Spanien hat man davon nichts bemerkt
Zahlen mal außen vor, zur Ceuta-Krise bleiben viele Fragen unbeantwortet. Angefangen beim „Überraschungseffekt“, der die Regierung Sánchez in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht hat. Der Regierungsvertreter in der autonomen Stadt, Miguel Ángel Pérez, sagte, er habe „überhaupt keine Informationen“ zum Exodus der Migranten bekommen, bis man zu sehen begann, wie diese Menschen die Grenze auf diese Weise überquerten.

Eine Bestätigung kam auch vom Innenminister Fernando Grande-Marlaska, wonach es „keine Signale“ gab, die darauf hindeuteten, dass „eine Situation wie die vom 30. Juli eintreten könnte“. Aussagen, die zwar indirekt das Verteidigungsministerium und die spanischen Geheimdienste in Frage stellen.
El Mundo schreibt, dass alle befragten Quellen den Migrantenfluss auf einen „enormen Anziehungseffekt“ zurückführen, doch es ist inzwischen klar, dass die marokkanische Autokratie unter Mohammed VI nichts unternommen hat, um Tausende von Menschen daran zu hindern, die Grenze zu überschreiten, und vielleicht seien die Informanten vor Ort zu spät gewarnt worden.
Wie die spanischen Dienste die Flüsse prognostizieren
Die Zeitung erklärt, es gäbe verschiedene Wege, einen derartigen Migrantenstrom zu erkennen. „Der erste – so eine gut informierte Quelle – ist über Satellitenbilder, auch wenn diese Bilder aus dem All irreführend sein können und nicht völlig zuverlässig sind“.

Ein weiterer, als zuverlässiger eingestufter Weg, sei hingegen „die Aktivität von Mobilfunkantennen zu überwachen, denn daraus lässt sich die Zunahme der Zahl der Personen in einem bestimmten Gebiet ableiten“.
Die Vorboten und der Ansturm
In Madrid hat man davon allerdings nichts bemerkt. Dennoch gab es erste Anzeichen. Nach Angaben der spanischen Behörden waren zwischen Montag und Mittwoch bereits rund 1.500 Migranten in die Enklave eingedrungen, sodass der Regierungsvertreter eine Sonderoperation „Sicherheit und Aufnahme“ vorbereitete, die am Donnerstag angekündigt worden wäre.
Doch genau an jenem Morgen, dem 30. Juli, änderte sich die Situation radikal: Die Mehrheit der Migranten stürmte die Grenze regelrecht, begann zu Fuß hindurchzugehen. Die Anzahl der an Ort und Stelle eingesetzten Beamten in Ceuta, lediglich 696, erwies sich als unzureichend, um die Welle zu bändigen, weshalb die Regierung – wenn auch mit einigen Stunden Verzögerung – reagieren musste und Hunderten von Polizisten sowie Truppenteilen der Armee schützend entsand.
Die Version der spanischen Regierung
Premierminister Pedro Sánchez vermutete, dass der Exodus so vieler Migranten durch die „Verbreitung in den sozialen Medien, vermittelt durch organisierte Kriminalität, einer Auslegung eines Urteils des Obersten Gerichtshofs“ ausgelöst worden sei, das eine sofortige Abschiebung von Menschen, die ins Meer hineinschwimmen, verbiete. Aber war dem wirklich so? Könnten die spanischen Dienste nichts mitbekommen haben? Eine der Erklärungen ist, dass die soziale Gerüchteküche in so kurzer Zeit verbreitet wurde, dass sie von der spanischen Geheimdienstszene nicht aufgefangen werden konnte.
Die Frage wurde auch dem Außenminister José Manuel Albares gestellt, der vom Sender Tve interviewt wurde. Wenn sich auf den sozialen Netzwerken mindestens 50.000 Nachrichten unter Migranten verbreitet haben, fragte der Journalist von La Hora de La1, hätten die Geheimdienste das nicht wissen müssen? Albares beschränkte sich darauf zu betonen, dass „die Arbeit der Polizei, der Guardia Civil und auch des spanischen Militärs“ geleistet worden sei und dass alle Ministerien „das getan haben, was in ihrer Macht stand, niemand ausgeschlossen“. Doch eine klare Antwort gab er darauf nicht.
Albares destaca el buen trabajo del Gobierno en la crisis de Ceuta y carga contra la posición de Italia: „Ya le gustaría a un país como Italia, que es el que tiene el mayor número de entradas irregulares en Europa. El doble que España“ https://t.co/gQqRzK0bem#LaHora3A pic.twitter.com/h1TsY53UwH
— La Hora de La 1 (@LaHoraTVE) August 3, 2026