Nur noch wenige Stunden trennen uns von einer historischen Abstimmung, die das politische System, das Viktor Orbán in mehr als fünfzehn Jahren aufgebaut hat, in Frage stellen könnte. Am Sonntag, dem 12. April, werden in Ungarn Millionen von Bürgerinnen und Bürgern an die Wahlurnen treten, um die Parlamentswahlen zu entscheiden. Die Auseinandersetzung ist ein Duell zwischen zwei Herausforderern. Auf der einen Seite steht Orbán, 62 Jahre alt, seit 2010 an der Macht und inzwischen der politisch am längsten amtierende europäische Führer, der Mann, der Ungarn zu einem Labor des souveränistischen Nationalismus gemacht hat. Auf der anderen Seite Péter Magyar, 45 Jahre alt, früheres Mitglied des Fidesz-Systems, heute Vorsitzender von Tisza und der bislang ernsthafteste Gegner gegen den ungarischen Premierminister in vielen Jahren. Ein politischer Schlagabtausch, der von europäischen Regierungskreisen mit großem Interesse verfolgt wird und der die Kräfteverhältnisse auf dem alten Kontinent neu zeichnen könnte.
Wer ist Orbáns Rivale
Péter Magyar wurde 1981 als Sohn einer Rechtsanwaltsfamilie geboren, er studierte Rechtswissenschaften und arbeitete für das Außenministerium. Anschließend trat er in das Büro des Premierministers in Brüssel ein, um später zu einer Staatsbank und zur Leitung einer Agentur für Studentenkredite zu wechseln. Im Jahr 2006 heiratete er Judit Varga, die später Ministerin der Justiz von Orbán wurde. Die beiden heirateten und ließen sich 2023 scheiden; sie haben drei Kinder. Sein politischer Durchbruch kam 2024, nach dem Fall der Begnadigung eines Mannes, der in einer Angelegenheit sexueller Missbrauchs von Minderjährigen verwickelt war; der Skandal stürzte Varga, öffnete eine Bresche in der ethischen Erzählung der Fidesz. Wenige Monate später, fast aus dem Nichts, führte Magyar seine neue Partei Tisza bei den Europawahlen auf 30 Prozent.
Das Verhältnis zwischen Magyar und Orbán bildet das Herzstück des Wahlkampfs, der in den kommenden Stunden stattfinden wird. Nach einigen Berichten hatte Magyar als Kind ein Foto des ungarischen Premierministers in seinem Schlafzimmer hängen, fasziniert von der Energie des Systemwechsels und dem Bild des jungen antikommunistischen Führers. Die Parlamentswahlen sind auch eine interne Abrechnung innerhalb der langen Orbán-Ära: Magyar kommt nicht aus dem historischen Oppositionsspektrum, sondern aus dem politischen und menschlichen Umfeld, das sich um die Fidesz herum entwickelt hat.
Die Trennung
Der Bruch Magyars entstand, als er äußerte, er habe sich aufgrund der inneren Korruption und Propaganda enttäuscht gefühlt. Von da an verwandelte sich die Beziehung in offene Feindschaft. Orbán behandelte Magyar als das politische Gesicht der äußeren Front, die ihn zu stoppen versucht, und verband ihn mit Brüssel und Kiew sowie der Darstellung der Wahl als eine Entscheidung zwischen „Krieg und Frieden“, wobei er darauf bestand: „Für den Frieden ist die Fidesz die sichere Wahl“.
Der letzte Tanz Orbáns?
Auf Seiten Magyar definierte die Wahl er als ein „Referendum“ über den Platz Ungarns in der Welt und beschuldigte den ungarischen Premierminister, das Land in Richtung eines immer russischeren Gleichgewichts und eines zunehmenden Konflikts mit der Europäischen Union geführt zu haben. Die Härte des Konflikts zeigte sich auch in den Mitteln. In den vergangenen Monaten behauptete Magyar, regierungsnahe Kreise würden die Veröffentlichung eines Videos vorbereiten, um ihn zu diskreditieren, und sprachen von einer „russo-geprägten Kampagne“. Auf der anderen Seite setzte das gegnerische Lager weiterhin das alte Argument des Verrats gegen ihn ein: nicht einfach ein Gegner, sondern ein Verräter, der im System gelebt hat und es nun bekämpft. Der Führer von Tisza stellt jedoch eine Gefahr für Orbáns Macht dar, weil er den Sprachgebrauch kennt, auf dem der ungarische Premierminister seinen Aufstieg aufgebaut hat. Das Ergebnis dieser Parlamentswahlen erscheint daher höchst ungewiss.