Keine sozialen Medien unter 13 Jahren und kein persönliches Konto vor dem 15. Lebensjahr. Ein neuer europäischer Sicherheitsmechanismus, um gemeinsam auf Drohnen, Sabotageakte und Cyberangriffe zu reagieren. Notfallregelungen bei Ankünften von Migrantinnen und Migranten, die als „organisiert“ gelten und als Druckmittel verwendet werden. Eine Verschärfung gegenüber China und, auf der anderen Seite des Atlantiks, ein beispielloser Vorschlag: Kanada soll das erste „assoziierte Mitglied“ der EU werden. In ihrer State-of-the-EU-Rede 2026, die heute, Mittwoch 16. September, im Europäischen Parlament in Straßburg gehalten wurde, legte Ursula von der Leyen eine lange Reihe von Initiativen vor, die Sicherheit, Wirtschaft, Energie, Klima, Künstliche Intelligenz und das tägliche Leben der Europäerinnen und Europäer betreffen. Eine Frage zieht sich als Untertitel durch die gesamte Rede: Wird Europa in einer immer konfliktbezogeneren Welt in der Lage sein, seine Zukunft eigenständig zu bestimmen?
„Unser Weg ist klar: Eine unabhängige Europäische Union aufzubauen, die über die Handlungsfähigkeit verfügt“
Ursula von der Leyen
Social vietati sotto i 13 anni, niente account personale prima dei 15
Zu den deutlichsten Ankündigungen gehört der Plan, wenngleich vieles bereits durchgesickert war: Die EU wird morgen den EU-Kids Act vorstellen, mit altersabhängigen Regelungen. Die klare Formulierung von Von der Leyen lautet: „Keine Nutzung sozialer Medien für Minderjährige unter 13 Jahren. Kein persönliches Konto für Minderjährige unter 15 Jahren“.
🔴LIVE sehen: Präsidentin @vonderleyen #SOTEU-Rede
— Europäische Kommission (@EU_Commission) 16. September 2026
Für Kinder im Alter von 13 bis 15 Jahren sieht der Entwurf begrenzte, überwachte Zugänge vor, während die Verantwortung für die Sicherheit stärker bei den Plattformen liegen soll. Der Plan gilt auch für digitale Dienste wie Online-Spiele und Chatbots.
L’UE wie die NATO gegen Drohnen, Sabotage und Cyberangriffe
Eine weitere große Neuerung betrifft die Sicherheit. Von der Leyen schlägt eine Art europäisches Protokoll für hybride Bedrohungen vor, das greift, wenn ein Vorfall die Schwelle eines echten bewaffneten Angriffs nicht erreicht, aber einen Staat gefährdet: Drohnen-Einsätze, Sabotage, vorsätzliche Brandstiftungen, Cyberangriffe oder Operationen gegen strategische Infrastrukturen.
„Europa braucht ein eigenes Protokoll gegen hybride Bedrohungen“, sagte von der Leyen, und forderte eine gemeinsame Linie, wie auf solche Ereignisse reagiert werden soll. Als Vorbild dient Artikel 4 der NATO: Wenn sich ein Staat bedroht fühlt, kann er die Verbündeten zu Konsultationen einberufen. In dem Vorschlag der Kommission sollte die Aktivierung die EU-Länder zusammenführen, um eine abgestimmte Reaktion zu finden, Schäden zu begrenzen und eine weitere Eskalation zu verhindern.
„Die EU wird jeden Quadratmeter Territorium verteidigen“, sagt Von der Leyen. Dann Öffnung gegenüber Kanada und Warnung an China: „Punkt der Unumkehrbarkeit“
Die Präsidentin erneuerte außerdem die Idee eines Europäischen Sicherheitsrates, in dem neben den 27 Mitgliedstaaten auch Großbritannien, Kanada, Norwegen und die Ukraine vertreten sein könnten. Der Vorschlag folgt einer Reihe von Grenz- und hybriden Operationen, die von Behörden mehrerer europäischer Länder Russland zugeschrieben werden.
Ukraine, Patriot und eine europäische Verteidigung weniger abhängig von den USA
In den letzten Tagen hatte Brüssel bereits 6,1 Milliarden Euro für Drohnen und Raketen zur Luftverteidigung der Ukraine freigegeben, wobei Ausnahmen vorgesehen sind, die Kiew auch den Erwerb amerikanischer Patriot-Interceptors ermöglichen. In ihrer Rede nannte Von der Leyen jedoch auch ein strukturelleres Ziel: Die europäische Fähigkeit zur Herstellung eigener Verteidigungssysteme erhöhen und die Abhängigkeit von externen Anbietern verringern. Zudem soll der Druck auf Russland weiter erhöht und die Anwendung der bereits beschlossenen Sanktionen verstärkt werden.
Migranten, entsteht ein europäischer Notfallmechanismus an den Außengrenzen
Der Sommer und die Krise in Ceuta haben die Kommission veranlasst, auch einen neuen europäischen Notfallrahmen für die Grenzpolitik vorzulegen. Der Mechanismus soll in außergewöhnlichen Umständen aktiviert werden können, wenn Migrationsbewegungen in großem Maßstab organisiert oder als Druckmittel gegen einen EU-Staat eingesetzt werden. In diesen Fällen könnten temporäre Ausnahmeregelungen und eine strikte Beschränkung auf die normalen Verfahren möglich sein.
„Wir werden stets unsere Werte und Grundrechte respektieren. Aber wir werden nie Kompromisse beim Schutz unserer Grenzen eingehen“, fasst Von der Leyen die politische Maxime zusammen. «Es sind die Europäerinnen und Europäer, die entscheiden, wer in die Union einreist – nicht Schmuggler und Trafficker.» Die Kommission will auch die operative Rolle von Frontex stärken, Rückführungen vorantreiben und die Zusammenarbeit mit Herkunfts- und Transitländern intensivieren.
Kanada kann das erste „assoziierte Mitglied“ der EU werden
Der nächste Fokus gilt Kanada. Mit dem anwesenden Premierminister Mark Carney in Straßburg schlug Von der Leyen vor, den Weg zu einer neuen Form der Zusammenarbeit zu öffnen, damit Kanada das erste assoziierte Mitglied der EU wird. „Ich möchte mit euch daran arbeiten, Kanada die Tür zu öffnen, damit es das erste assoziierte Mitglied der EU wird“, sagte sie.
Lieber @MarkJCarney, wir wollen die Beziehung zu Kanada auf das höchste Niveau heben.
Ich möchte mit dir zusammenarbeiten, um Kanada zum ersten assoziierten Mitglied der EU zu machen.
Und einen gemeinsamen Wohlstand und wirtschaftliche Sicherheitsraum schaffen. pic.twitter.com/GqIjGBz6aY
— Ursula von der Leyen (@vonderleyen) 16. September 2026
Die Idee zielt darauf ab, die beiden Wirtschaftsräume in strategischen Bereichen wie Verteidigung, Künstliche Intelligenz, Technologien, Energie, kritische Mineralien und Arktis stärker zu vernetzen. Kanada sucht nach Wegen, seine Abhängigkeit von den USA zu verringern, nachdem die Handelsbeziehungen mit Washington unter Druck geraten sind.
China, das Defizit von einer Milliarde Euro pro Tag
Zu China verschärft Von der Leyen die Töne. Nach Angaben im Redetext belief sich das europäische Handelsdefizit mit Peking im Jahr 2025 auf rund eine Milliarde Euro pro Tag. Europa erlebt laut ihrer Ausführungen bereits einen neuen „China-Schock“, mit Druck auf die Industrie und dem Risiko weiterer Deindustrialisierung.
Die Botschaft an Peking lautet: Der Dialog muss Ergebnisse liefern. „Wir werden alle uns zur Verfügung stehenden Instrumente nutzen, um unser Verhältnis zu berichtigen“, sagte Von der Leyen. Besonders im Fokus stehen Rohstoffe und Seltene Erden. Die Kommission will eine neue europäische Struktur schaffen, die zur Versorgungssicherheit beiträgt und strategische Vorräte aufbaut, um Abhängigkeiten von China zu verringern – in Bereichen wie Batterien, Halbleiter, Elektrofahrzeuge und Verteidigung.
Energie und Wettbewerbsfähigkeit: Abhängigkeiten reduzieren, um die Preise zu senken
Nach Von der Leyens Auffassung hängt Unabhängigkeit auch mit Energie zusammen. Die Krisen der letzten Jahre – zunächst das russische Gas, danach Spannungen im Hormuz-Streifen – haben gezeigt, wie sehr Europa externen Schocks ausgesetzt ist. Die Kommission setzt daher auf Elektrifizierung, erneuerbare Energien, Netze und Interkonnektionen, und verknüpft Energiepolitik mit industrieller Wettbewerbsfähigkeit.
Auf wirtschaftlicher Ebene bleibt der Fahrplan „One Europe, One Market“ zentral, mit dem politischen Ziel, bis Ende 2027 einen stärker integrierten Binnenmarkt zu schaffen, der Hindernisse für Unternehmen, Kapital, Dienstleistungen, Energie und Innovation abbaut.
KI, von der Leyen: langsamer mit den gefährlichsten Modellen
Im technologischen Bereich enthält der Redetext auch einen Tonwechsel beim Thema Künstliche Intelligenz. Von der Leyen übernimmt bewusst die Bedenken einiger führender Akteure der amerikanischen Industrie gegenüber fortgeschrittenen Modellen.
Sie wird führende Forschungszentren anrufen, mit Brüssel über Sicherheit und Risiken von Systemen zu diskutieren, die ihre Fähigkeiten fortlaufend verbessern könnten. Besonders besorgt ist man über zunehmend raffinierte Cyberangriffe und die Nutzung der Modelle durch feindliche Akteure.
„Wenn diejenigen, die die Technologie entwickeln, so klar sind, müssen wir es auch sein“, lautet der Kern ihrer Botschaft. Sie möchte auch Kanada und das Vereinigte Königreich in die Bewertung und Prüfung der Modelle einbinden. Gleichzeitig will Brüssel die europäischen Investitionen in KI erhöhen und deren Anwendung in der Industrie vorantreiben.
Klima: Plan gegen Hitzewellen und eine europäische Feuerwehrflotte
Der Sommer 2026 markiert im Klima-Dossier einen Wendepunkt. Von der Leyen kündigte einen „European Heatwave Plan“ an, eine Strategie gegen Hitzewellen, die zunächst hundert gefährdeten Regionen helfen soll, sowie eine neue europäische Initiative für Wasserbewirtschaftung.
Zudem entsteht eine Klimaversicherungsallianz: Heute wären nur rund vier Quadratmeter der durch Klimaereignisse verursachten wirtschaftlichen Schäden in der EU versichert. „Wir müssen die Resilienz deutlich erhöhen“, sagte Von der Leyen.
Nach den Bränden dieses Sommers prüft Brüssel auch die Schaffung einer europäischen Feuerwehrflotte. Die Präsidentin wies darauf hin, dass Hitzeereignisse zu Hunderttausenden zusätzlichen Todesfällen geführt haben könnten. Sie schloss jedoch eine generelle Kehrtwende vom Green Deal aus: „Europa kann, muss und wird an seinen Klimazielen festhalten“, räumte sie ein, während sie anerkennt, dass während der Übergangsphase Anpassungen politischer Maßnahmen nötig sein könnten.
Arbeit, Wohnen und Wohlfahrt: Versprechen in der Sozialpolitik
Die Kommission strebt bis Ende des Jahres ein „Quality Jobs Act“ an, während im Wohnungsbereich bereits der „Affordable Housing Act“ vorgestellt wurde, um lokalen Behörden mehr Instrumente gegen den Mangel an bezahlbarem Wohnraum zu geben.
Von der Leyen erinnerte zudem an das Problem des demografischen Wandels und die Notwendigkeit, Pflegeleistungen zu stärken, um die Erwerbstätigkeit von Frauen zu fördern und das europäische Sozialmodell zu wahren.
Gaza und Israel: die Spaltung der europäischen Regierungen
Zum Nahen Osten erkannte Von der Leyen offen die Meinungsverschiedenheiten der 27 Mitgliedstaaten an. Sie sprach von den Leiden in Gaza, der Gewalt der Siedler im Westjordanland und dem Ausbau israelischer Siedlungen, und hielt weiter an der Zwei-Staaten-Lösung fest.
Die EU erkennt zugleich das Recht Israels auf Sicherheit und das Anrecht der Palästinenser auf Sicherheit und Würde an. Es ist eines der Themen, zu dem die Mitgliedstaaten laut der Präsidentin weiterhin keine Mehrheiten für bestimmte gemeinsame Initiativen finden konnten.
„Sie wollen unsere europäische Einigkeit zersplittern“
Der letzte Teil der Rede kehrt zur Innenpolitik der Union zurück. Von der Leyen nannte Desinformation, ausländische Einmischung und Angriffe auf demokratische Institutionen als wachsende Bedrohung. In ihrem Verständnis zielen Ultrarechte, antieuropäische Kräfte, russischer Einfluss und Desinformationskampagnen darauf ab, unsere europäische Einheit zu zerbrechen.
Auch das Erweiterungsdossier auf Ukraine, Moldawien und die Westbalkan-Staaten bleibt zentral; Brüssel will deren Fortschritte mit der Rechtsstaatlichkeit verknüpfen. Und für das Jahr 2027, dem siebzigsten Jubiläum der Verträge von Rom, plant Von der Leyen die Einberufung eines neuen „Europa-Kongresses“, inspiriert vom Haag-Treffen von 1948 – eine Debatte über die Zukunft der Union, die den Satz abschließt, mit dem sie das Plädoyer eröffnete: „Das Schicksal Europas liegt in den Händen der Europäerinnen und Europäer.“