Die extreme Hitze, die Osteuropa erfasst, stellt auch einen der Grundpfeiler der Energiesicherheit des Kontinents in Frage: die Kernenergie. Es ist nicht die Sonne, die die Reaktoren stoppt, sondern der Wassermangel. Die anhaltende Dürre hat den Donau-Durchfluss drastisch reduziert, wodurch das Kühlen der entlang des Flusses erbauten Anlagen immer schwieriger wird. Das Ergebnis ist eine sinkende Stromerzeugung genau dann, wenn die Nachfrage wegen der Klimaanlagen steigt.
Die kritischste Situation tritt zwischen Rumänien und Ungarn auf, wo die Regierungen gezwungen waren, außergewöhnliche Maßnahmen zu ergreifen, um einen Stillstand der Kernanlagen zu verhindern. In einigen Gebieten erreichte der Donaupegel Werte, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gab, und der Durchfluss in Rumänien fiel auf rund 1.500 Kubikmeter pro Sekunde – weniger als ein Drittel des Juli-Durchschnitts.
In Rumänien Sprengstoffe zum „Rettung“ des Kraftwerks
Um das Kernkraftwerk Cernavodă betriebsbereit zu halten, hat die rumänische Regierung eine beispiellose Intervention genehmigt. Die Marine setzte etwa 180 Kilogramm Sprengstoffe ein, um eine Felsformation zu sprengen, die den Wasserfluss zum Donauarm blockierte, von dem das Kraftwerk das für die Kühlung notwendige Wasser bezieht.
Nach Ansicht des vorläufigen Verteidigungsministers Radu Miruță wird der Einsatz wertvolle Zeit gewinnen und das Kraftwerk so lange wie möglich in Betrieb halten. Die Behörden schließen jedoch nicht aus, dass, sollte der Flusspegel weiter sinken, die Reaktoren auch vorübergehend stillgelegt werden könnten.
Die Energiemkrise ist derart ernst geworden, dass Bukarest den nationalen Notstand für den gesamten August ausgerufen hat, nachdem die Stromproduktion infolge der Dürre eingebrochen war.
Ungarn gezwungen, die Produktion zu drosseln
Auch Ungarn muss sich mit den Folgen der Donau-Dürre auseinandersetzen. Das Kraftwerk Paks, das einzige des Landes, hat begonnen, seine Aktivität stark zu reduzieren, weil ihm das für die Kühlung der Reaktoren erforderliche Wasser fehlt, was den Sicherheitsstandards entspricht.

Nach Angaben der ungarischen Behörden ist dies das erste Mal seit mehr als vier Jahrzehnten, dass das Werk aus diesem Grund die Produktion einschränken muss. Sollte der Flusspegel weiter sinken, könnte in den kommenden Tagen auch eine vollständige Abschaltung der Reaktoren erfolgen. Die Regierung hat bereits Maßnahmen zur Einsparung des Verbrauchs eingeleitet, darunter das Abschalten zahlreicher elektronischer Werbebildschirme.
Nicht nur die Kernenergie leidet
Der Wassermangel setzt das gesamte Energiesystem Südosteuropas unter Druck. In Serbien produziert das Wasserkraftwerk Djerdap 1, das größte des Landes, aufgrund des außergewöhnlich niedrigen Donaupegels nur noch einen Bruchteil seiner Kapazität. Auch Kohlekraftwerke mussten ihre Produktion reduzieren, weil das verfügbare Wasser nicht ausreicht, um die Anlagen zu kühlen.
Die Auswirkungen der Dürre betreffen zudem den kommerziellen Binnenverkehr. Die wichtigsten Wasserstraßen Europas transportieren jährlich Millionen Tonnen Getreide, Kohle, Öl und weitere Rohstoffe, doch der immer niedrigere Wasserstand limitiert die Tiefdegangtiefe der Schiffe, verlangsamt den Transport und erhöht die Logistikkosten.
Europäische Energie zunehmend verwundbar durch Klimaveränderungen
Die in den kommenden Tagen erwartete Hitzewelle könnte das Bild weiter verschlimmern, mit Temperaturen von über 40 Grad in mehreren Bereichen der Balkanstaaten. Das Paradoxon ist offensichtlich: Während die Hitze den Stromverbrauch für die Kühlung von Gebäuden in die Höhe treibt, reduziert dieselbe Klimakrise die Fähigkeit zur Energieerzeugung.
Dieser Vorfall zeigt, wie auch die Kernenergie, oft als stabile Quelle angesehen, tatsächlich von der Verfügbarkeit großer Wassermengen abhängt. Wenn Flüsse austrocknen, sind nicht nur Landwirtschaft und Navigationsverkehr gefährdet, sondern auch ein Teil der europäischen Stromerzeugung, wodurch das Energiesystem stärker gegenüber extremen klimatischen Ereignissen verwundbar wird.