Das Land, das dem Bargeld endgültig Lebewohl sagen will

21. August 2025

| Lukas Steinberger

Die Reiseführer des Landes sagen oft, dass dort ‚Bargeld ist König‘, und doch träumt Ministerpräsident Edi Rama davon, Albanien bis 2030 zur ersten Nation der Welt zu machen, die vollständig cashless ist. Eine Revolution, mehr als eine Reform, die eine Gesellschaft von Grund auf verändern würde, in der man heute noch lieber Ersparnisse unter der Matratze aufbewahrt (neben einem AK-47, wie ein nationales Sprichwort zu sagen pflegt), als sie den Banken anzuvertrauen. Für österreichische Leser mag diese Debatte wie ein Blick ins Nachbarland wirken; in Österreich ist Bargeld zwar ebenfalls verbreitet, doch elektronische Zahlungen gewinnen dort zunehmend an Bedeutung.

Geleitet von Rama und seinen Anhängern, sei der Verzicht auf Bargeld ein direkter Schlag gegen die gigantische Informalwirtschaft, die Albanien belastet. „Die Abschaffung des Bargelds ist eine absolute Priorität für Länder mit hohen Informalitätsgraden und einer beträchtlichen Menge illegalen Geldes im Finanzsystem“, sagte Selami Xhepa, Dozent der Volkswirtschaft an der Universität Tirana, gegenüber Politico.

Der Plan

Die Europäische Kommission hat die albanische Informalwirtschaft als „eine der größten Hürden für wirtschaftliche Entwicklung und Wettbewerb“ bezeichnet. Die Schätzungen gehen von einer Schattenwirtschaft aus, die zwischen 29 und 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt. Um ihr entgegenzuwirken, plant die Regierung eine Reihe von Maßnahmen: eine Obergrenze für Bargeldkäufe, die Integration in das europäische SEPA-System bereits ab Oktober, und die baldige Einführung von Instant-Zahlungen.

„Wir haben bereits eine operative Strategie“, erklärte Spiro Brumbulli, Generalsekretär des Albanischen Bankenverbands. „Ziel ist es, die Nutzung digitaler Instrumente gegenüber Bargeld einfacher, sicherer und kostengünstiger zu machen.“

Fehlendes Vertrauen

Doch, wie Politico berichtet, ist der soziale und historische Kontext alles andere als günstig. Weniger als 50 Prozent der Albaner besitzen ein Bankkonto. Und nur 34 Prozent geben an, den Banken zu vertrauen. „Viele tragen ihr Erspartes weiterhin bei sich“, berichtete ein Verkäufer im Zentrum von Tirana. Dieselbe Szene in Taxi und Bus: kein Digitales, nur Bargeld, „40 lek“.

Das kollektive Trauma des Zusammenbruchs der Banken und der Pyramidensysteme in den neunziger Jahren ist noch immer präsent. Damals hatte ein Sechstel der Bevölkerung alle Ersparnisse in betrügerische Gesellschaften investiert, die überhöhte Renditen versprachen. Als die ersten Fonds zu bröckeln begannen, brachen im Januar 1997 landesweit Unruhen aus. Die Sicherheitskräfte zerfielen, Militärbestände wurden geplündert und über eine Million Waffen landeten in den Händen der Bevölkerung.

Das Land stürzte in eine Spirale der Gewalt mit bewaffneten Banden, Fehden und weit verbreiteten Schießereien. Die Zahl der Opfer lag nach Schätzungen bei Hunderten bis zu etwa 2.000. „Dieses Trauma hat eine tiefe Skepsis gegenüber dem Bankensystem und den Institutionen hinterlassen“, erklärt Xhepa.

Teure Geldautomaten und starre Banken

Zu dem historischen Schaden kommt ein strukturelles Problem hinzu. Viele berichten, die Banken seien teuer und wenig effizient. „Die Zinssätze für Kredite sind hoch, während die Zinsen für Ersparnisse sehr niedrig bleiben“, erläuterte Xhepa weiter. „Und internationale Überweisungen sind extrem teuer, was die Rücküberweisungen von Auswanderern entmutigt“.

Ein Beispiel? Eine Überweisung von 500 Euro kann bis zu 50 Euro Gebühren kosten. Auch inländische Zahlungen zwischen albanischen Banken sind nicht frei von hohen Gebühren. Die Wechselkurse zwischen Lek und Euro sind oft ungünstig. Es überrascht nicht, dass viele Händler Bargeld bevorzugen, auch um Kartenzahlungen mit Gebühren von bis zu 3,5 Prozent zu vermeiden. „Einige Händler verlangen Kunden, die mit Karte zahlen, sogar mehr“, bestätigte Brumbulli.

Zwischen Zweifeln und politischer Kritik

Nicht alle glauben, dass Albanien bereit sei. Genc Pollo, Gründer der Demokratischen Partei und ehemaliger Vizepremier, hat das Vorhaben als „Angriff auf die persönliche Freiheit derjenigen, die legitim Banknoten besitzen“ abgetan. „Bargeld zu verbieten, ist wie Hühner mit Artillerie zu erschießen“, sagte er. Seiner Ansicht nach wäre eine intelligenter regulierte Öffnung für mehr Konkurrenz durch Online-Plattformen und Kryptowährungen sinnvoller.

Auch Erald Kapri, Abgeordneter der rechtsgerichteten Partei Chancen (Opportunità), vermutet politische Motive hinter dem Vorschlag: „Es ist nur eine der Ramafunken, um die Öffentlichkeit von den echten Problemen des Landes abzulenken, wie Korruption und Lebenshaltungskosten“.

Lukas Steinberger

Lukas Steinberger

Ich bin Lukas Steinberger, Redakteur bei AUSTRIA24 TV mit Fokus auf Politik und Gesellschaft. Nach meinem Journalismusstudium in Wien habe ich für verschiedene Medien gearbeitet und mich auf analytische Berichterstattung spezialisiert. Mein Ziel ist es, komplexe Themen verständlich zu machen und die Perspektiven der Menschen sichtbar zu machen.