Ökoangst in Österreich: Zwischen Erzählung und Realität – Psychologe: Keine Pathologie – Emotionen nicht pathologisieren; Hitze beeinflusst Stress und Reizbarkeit

12. September 2026

| Lukas Steinberger

Von den extremen Wetterereignissen des Sommers bis zur anschwellenden Debatte über die Zukunft des Planeten ist die Klimakrise längst eine feste Begleiterin unseres Alltags geworden. Zugleich etabliert sich mit zunehmender Häufigkeit ein spezifischer Begriff, um das Verlorenheits- und Angstgefühl der Bevölkerung zu beschreiben: die Eco-Angst.

Doch sind wir alle Opfer der Eco-Angst oder lernen wir lediglich, berechtigte Sorgen zu benennen? Um Klarheit darüber zu gewinnen, was dieses Phänomen wirklich ist, welche Bevölkerungsgruppen es trifft und welche Risiken eine übermäßige Alarmbereitschaft birgt, haben wir mit Ivan Iacob gesprochen, dem Generalsekretär der Vereinigung der Psychologen Österreichs.

Die Eco-Angst ist ein Phänomen, über das immer öfter gesprochen wird. Haben wir wirklich einen Anstieg der Menschen erlebt, die unter dieser Art von psychischem Leiden leiden? Und welche Bevölkerungsgruppen sind am stärksten betroffen?

„Wir müssen klarstellen, dass die Eco-Angst für sich genommen, nicht weder eine Pathologie noch eine klinische Diagnose ist: Sie ist eine Form der Sorge, die der Umweltkrise und ihren Folgen für die Zukunft verbunden ist. Sie betrifft vor allem Jugendliche und junge Erwachsene, die vor sich einen langen Horizont sehen und die Unsicherheit über die Zukunft direkter erleben. Aber Vorsicht: Man spricht zwar häufiger darüber, aber das bedeutet nicht, dass wir es mit einer psychologischen Epidemie zu tun haben. Wir müssen vermeiden, Emotionen zu medicalisieren, die in gewissem Maße völlig verständliche Reaktionen auf reale Probleme sind.”

Wo endet eine verständliche Besorgnis um die Zukunft des Planeten und wo beginnt eine Situation, die das alltägliche Leben und das psychische Wohlbefinden einer Person konkret beeinträchtigen kann?

„Angst und Sorge sind nicht zwangsläufig Feinde. Sie erfüllen eine adaptive Funktion, die es ermöglicht, ein Risiko zu erkennen und zum Handeln zu motivieren. Das Problem entsteht, wenn sie allgegenwärtig wird, den Schlaf stört, Studium und Arbeit beeinträchtigt und Hilflosigkeit erzeugt, sodass wir die Zukunft nur noch als Bedrohung sehen. Aber wir sollten uns fragen: Ist diese Angst nur durch die Realität bedingt oder wird sie durch die Art, wie sie erzählt wird, verstärkt? Wenn eine Person ständig Katastrophenszenarien ausgesetzt ist, erhöht sich die Risikowahrnehmung.“

Oder?

„Das bedeutet nicht, den Klimawandel oder die Schwere extremer Ereignisse zu leugnen. Es bedeutet anzuerkennen, dass unser Geist nicht nur auf das reagiert, was wir direkt erleben, sondern auch auf die Menge, die Häufigkeit und die Art der Informationen, die wir erhalten. Wenn die Erzählung um Dringlichkeit aufgebaut ist, kann die individuelle Risikowahrnehmung zunehmen. Dazu braucht es ebenfalls eine korrekte Kommunikation: Informieren, ohne zu minimieren, aber auch ohne eine permanente Alarmbereitschaft zu schüren.“

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Dieser Sommer war geprägt von extremer Hitze und Wetterereignissen, die das Thema Klimakrise erneut in die öffentliche Debatte riefen. Haben Sie eine Art neue Welle von Besorgnis oder klimaabhängiger Angst beobachtet? Und in welchem Maße können direkt erlebte Ereignisse die psychische Gesundheit beeinflussen?

„Wer eine Überschwemmung erleidet oder sein Zuhause durch einen Brand verliert, erlebt ein traumatisches Ereignis. In solchen Fällen sprechen wir nicht von zukünftiger Sorge, sondern von konkreten psychischen Folgen: Verwundbarkeit, Verlust von Sicherheit, Schlafstörungen und, in schwereren Fällen, posttraumatischen Symptomen. Aber als Psychologen müssen wir ernst bleiben und können nicht jede kollektive Angst in eine klinische Kategorie verwandeln. Wir müssen vielmehr Dauer, Intensität und Auswirkungen auf das Leben der Menschen beobachten.“

Wie wichtig ist der Rückhalt der Gemeinschaft, verstanden auch als Staat, beim Bewältigen katastrophaler Ereignisse?

„Es ist entscheidend. Nach einem schweren Ereignis zählt die Reaktion der Gemeinschaft enorm. Die Präsenz von familiären und sozialen Netzwerken, zugänglichen Diensten, Institutionen, die eingreifen können, und eine verlässliche öffentliche Kommunikation kann das Gefühl der Ohnmacht verringern. Die psychische Gesundheit hängt nicht nur von dem Ereignis ab, das uns trifft, sondern auch von den individuellen und kollektiven Ressourcen, die wir zur Bewältigung haben.“

Kann extreme Hitze auch Auswirkungen auf Angstzustände und Panikattacken haben? Was wissen wir heute über den Zusammenhang zwischen hohen Temperaturen und psychischer Gesundheit und wie bewegt sich die wissenschaftliche Gemeinschaft, dieses Phänomen zu erforschen und anzugehen?

„Der Zusammenhang zwischen hohen Temperaturen und psychischer Gesundheit erfährt zunehmende wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Extreme Hitze kann den Schlaf beeinflussen, Reizbarkeit, Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten erhöhen und kann einen zusätzlichen Stressfaktor darstellen, insbesondere bei Menschen mit bereits vorhandener psychischer Verwundbarkeit. Aber Achtung: Nicht zu vereinfachen.“

Wie genau?

„Gerade weil das Thema ernst ist, können wir nicht sagen, dass Hitze automatisch Angstzustände oder psychische Störungen verursacht. Wir können sagen, dass extreme und anhaltende Temperaturen einen Stressfaktor darstellen, der zusammen mit weiteren individuellen und Umweltfaktoren die Verwundbarkeit einiger Menschen erhöhen kann. Die Forschung versucht zu verstehen, wie Umwelt, soziale Bedingungen und psychische Gesundheit miteinander interagieren. Und das erinnert uns daran, dass das psychische Wohlbefinden nicht vom Kontext getrennt werden kann, in dem wir leben.“

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Lukas Steinberger

Lukas Steinberger

Ich bin Lukas Steinberger, Redakteur bei AUSTRIA24 TV mit Fokus auf Politik und Gesellschaft. Nach meinem Journalismusstudium in Wien habe ich für verschiedene Medien gearbeitet und mich auf analytische Berichterstattung spezialisiert. Mein Ziel ist es, komplexe Themen verständlich zu machen und die Perspektiven der Menschen sichtbar zu machen.