Nachbar-Pädophiler ins Wachkoma versetzt – wegen Missbrauchs seines Sohnes zu 17 Jahren verurteilt

25. August 2026

| Lukas Steinberger

Siebenzehn Jahre Freiheitsstrafe dafür, dass er einen Mann brutal zusammengeschlagen haben soll, von dem er annahm, er habe seinen sechsjährigen Stiefsohn sexuell missbraucht. So lautet das Urteil, das Gregory Lenoci zum Mittelpunkt eines der umstrittensten Rechtsfälle Belgiens gemacht hat. Das Urteil kam am 20. August 2026 vom Namurer Gericht: Lenoci wurde des vorsätzlichen, geplanten Tötungsversuchs schuldig gesprochen.

Eine Strafe, die Proteste, politische Reaktionen und eine Debatte ausgelöst hat, die weit über den einzelnen Fall hinausgeht. Denn das Opfer der Angriffe war kein gewöhnlicher Nachbar. Der Mann, der als Marc P. bekannt war, war bereits wegen sexueller Übergriffe gegen ein Kind verurteilt worden und hätte das Kontaktverbot mit Minderjährigen einhalten müssen. Dennoch gingen mehrere Kinder aus dem Viertel weiterhin zu ihm nach Hause.

Die Erzählung des Kindes und das „geheime Spiel“

Die Geschichte beginnt in Jambes, im Namur-Gebiet, im Juli 2025. Lenocis sechsjähriger Stiefsohn besuchte zusammen mit anderen Kindern das Haus von Marc P., in dem eine Art Spielzimmer eingerichtet war. Irgendwann erzählt das Kind der Familie von der Existenz eines „geheimen Spiels“.

Nach Angaben der Ermittlungen soll das Kind gefesselt worden sein und ihm seien Dinge in den Mund gesteckt worden. Die Schilderung weckte sofort den Verdacht bei der Familie. Am 23. Juli wendet sich Lenoci an die Polizei und erstattet Anzeige. Es wird eine spezialisierte Vernehmung des Kindes vorgesehen.

Marc P. war bereits 2020 wegen versuchten sexuellen Gewaltakte und weiterer sexueller Handlungen gegen ein Kind unter zehn Jahren zu 37 Monaten Haft verurteilt worden, allerdings zur Bewährung. Zu den Auflagen gehörte ausdrücklich das Kontaktverbot mit Minderjährigen.

Nicht nur das. Ungefähr einen Monat vor den Taten hatte ein anderer Elternteil Marc P. bereits wegen angeblicher Übergriffe auf ein siebenjähriges Mädchen angezeigt. Es ist einer der umstrittensten Aspekte des gesamten Falls: Wurde der Mann bereits verurteilt und gab es eine neue Meldung, warum empfing er weiterhin Kinder in seinem Haus? Über das Verhalten der Behörden wurden Ermittlungen eingeleitet.

Am Tag nach der Anzeige beschließt Lenoci, eigenhändig zu handeln

Lenoci wartet jedoch nicht auf das Ergebnis der Ermittlungen. Am 24. Juli 2025, also am Tag nach der Anzeige bei der Polizei, bittet er Marc P. in seine Wohnung, unter dem Vorwand, die Geschehnisse zu klären. Nach Lenoci’s Darstellung habe der Nachbar im Verlauf des Gesprächs die sexuelle Natur des geheimen Spiels zugegeben. Es handelt sich jedoch um die Darstellung des Angeklagten: Es gibt keine aufgezeichnete Geständnis von Marc P., die diese Umstände bestätigt.

An diesem Punkt schlägt Lenoci zu. Die Prügel ist heftig. Der Mann wird wiederholt getroffen, und ein Teil der Gewalt wird auch mit einem Handy aufgenommen. Als Rettungskräfte eintrafen, war Marc P. bewusstlos und schwer verletzt. Die Folgen sind verheerend: Fast ein Jahr später befindet sich der Mann im semi-vegetativen Zustand, unfähig zu kommunizieren, sich eigenständig zu bewegen oder sich ohne Hilfe zu ernähren.

Nach der Attacke flüchtet Lenoci. Fünf Tage lang blieb er auf der Flucht, ehe er sich freiwillig der Polizei stellte.

Warum die Richter von vorsätzlich geplanten Tötungsversuch sprechen

Die Verteidigung versuchte nachzuweisen, dass Lenoci den Nachbarn nicht töten wollte, sondern aus Wut gehandelt habe, nachdem er das vermutete Geschehen am Kind entdeckt habe. Das Gericht hat diese Darstellung jedoch abgelehnt.

Nach Ansicht der Richter würden die Heftigkeit der Schläge, die anvisierten Körperpartien und die Art der Auseinandersetzung die Absicht belegen, potenziell tödliche Folgen herbeizuführen. Vor allem habe das Gericht die Vorbedachtheit anerkannt. Lenoci habe Marc P. nicht zufällig getroffen: Vielmehr sei er ihn eingeladen und habe den Zusammenstoß organisiert, ohne die Polizei zu informieren, der er zuvor Anzeige erstattet hatte.

In dem Prozess wurden auch einige Äußerungen von Lenoci vor der Gewaltaufnahme berücksichtigt sowie die Tatsache, dass ein Teil der Gewalt aufgezeichnet wurde. Bei der Strafzumessung wurden zudem seine Vorstrafen berücksichtigt, einschließlich einer früheren Verurteilung wegen Gewalttaten.

Hat der Nachbar das Kind wirklich missbraucht?

Ob Marc P. zuvor wegen sexueller Straftaten gegen ein Minderjähriges verurteilt worden war, ist zwar belegt, ob er das Stiefkind von Lenoci missbraucht hat, ist nicht gerichtlich eindeutig festgelegt. Die Ermittlungen zu diesem Kind stießen unmittelbar nach der Körperverletzung auf enorme Schwierigkeiten: Marc P.s neurologischer Zustand hinderte die Ermittler, ihn zu vernehmen.

Im Dezember 2025 hatte die Staatsanwaltschaft außerdem beantragt, das Verfahren wegen ungenügender Beweise einzustellen. Auf dem Telefon des Mannes seien Dutzende von Fotos von Kindern gefunden worden, doch dieses Element habe nicht ausgereicht, um den berichteten Missbrauch allein zu beweisen.

Fragen zum Verhalten der Behörden

Der Comité P, das belgische Gremium, das die Arbeit der Polizeikräfte überwacht, hat Prüfungen zur Handhabung früherer Meldungen eingeleitet. Auch die Staatsanwaltschaft von Lüttich hat eine Akte geöffnet, um eventuelle Versäumnisse zu prüfen. Georges-Louis Bouchez, Präsident der belgischen Reformbewegung Mouvement réformateur, hat Lenocis Strafe als unverhältnismäßig bezeichnet, betonte aber zugleich, dass niemand die Justiz ersetzen könne.

Die Verteidigung hat bereits Berufung angekündigt. Der Fall ist somit längst nicht abgeschlossen.

Lukas Steinberger

Lukas Steinberger

Ich bin Lukas Steinberger, Redakteur bei AUSTRIA24 TV mit Fokus auf Politik und Gesellschaft. Nach meinem Journalismusstudium in Wien habe ich für verschiedene Medien gearbeitet und mich auf analytische Berichterstattung spezialisiert. Mein Ziel ist es, komplexe Themen verständlich zu machen und die Perspektiven der Menschen sichtbar zu machen.