AfD knackt die 41-Prozent-Marke? Warum die Wahlen in Sachsen für ganz Europa wichtig sind

9. September 2026

| Lukas Steinberger

Ungefähr 1,7 Millionen Wahlberechtigte in Sachsen-Anhalt sind heute, Sonntag, der 6. September, dazu aufgerufen, das neue Landesparlament zu wählen, in einer Wahl, die mit einer Aufmerksamkeit verfolgt wird, die weit über die Grenzen dieses ostdeutschen Bundeslandes hinausgeht. Die Wahlen in Sachsen-Anhalt haben großes Gewicht, die Wahlbeteiligung sagt schon etwas aus: Um 14 Uhr hatten bereits 54,4 Prozent der Berechtigten abgestimmt, verglichen mit nur 27,1 Prozent zur gleichen Zeit bei der Landtagswahl 2021. Die wahlberechtigten Personen belaufen sich auf 1.706.017, fast 83.000 weniger als vor fünf Jahren.

Exit Poll: AfD sticht bei 44% heraus und CDU halbiert, die Wahlen in Sachsen schütteln das Deutschland von Merz

AfD eindeutig favorisiert: Ulrich Siegmund zielt auf 45 Prozent

Die neueste Politbarometer-Umfrage des Zdf, durchgeführt vom 1. bis 3. September, sieht die rechtsextremistische Partei Alternative für Deutschland (AfD) bei 41%, fast doppelt so viel wie die CDU von Kanzlerkandidat Friedrich Merz, die bei 23% liegt. Es folgen Die Linke – die Linke – mit 11,5%, SPD mit 8,5% und Grüne mit 6%. BsW mit 4% und Fdp mit 3% würden dagegen die Fünf-Prozent-Hürde nicht überschreiten. Die letzte Infratest-dimap-Erhebung weist gar eine noch größere Kluft aus: AfD 42% und CDU 22%.

Es handelt sich um Umfragen, nicht um Wahlergebnisse. Und gerade die Fünf-Prozent-Hürde macht es besonders schwer, daraus eine Sitzverteilung abzuleiten: Sollten mehrere Parteien die Hürde nicht überschreiten, würde das Gewicht der Sitze derjenigen Listen steigen, die ins Parlament einziehen.

Der Protagonist des Tages ist Ulrich Siegmund, 35 Jahre alt, AfD-Kandidat für die Landesregierung. In der Vorabendveranstaltung hatte er sich ein noch ehrgeizigeres Ziel gesetzt als die Umfragen: „45 Prozent oder mehr.“ Am Samstagabend, während seines letzten Auftritts in Magdeburg, erklärte er: „Ganz egal, wie das Wahlergebnis ausfällt, wir haben bereits Geschichte geschrieben.“ Und er fügte hinzu, dass das, was AfD in Sachsen begonnen habe und was sich seiner Ansicht nach im Rest Deutschlands zu verbreiten scheint, „nicht mehr aufzuhalten“ sei.

Das Paradoxon: AfD kann gewinnen, ohne überhaupt regieren zu können

Es könnte zwar die erste Partei sein, aber dafür zu regieren, reicht es womöglich nicht. Die anderen großen Parteien haben eine Koalition mit der AfD ausgeschlossen. Es gibt das Prinzip der Brandmauer, buchstäblich die „Feuerwand“, von deutschen Parteien errichtet, um den Einzug der extremen Rechten in Regierungen zu verhindern.

Siegmund selbst hat Verhandlungen ausgeschlossen, als kleiner Koalitionspartner in eine Regierung einzutreten: Das erklärte Ziel ist die Regierungsführung.

Sollte die AfD nicht die absolute Mehrheit der Sitze erreichen, würde ein äußerst kompliziertes parlamentarisches Spiel beginnen. Nach der ZDF-Projektion wäre eine alternatif Mehrheit rechnerisch möglich, wenn CDU, Die Linke, SPD und Grüne zusammenkämen. Die CDU hat aber bislang formale Koalitionen selbst mit Die Linke abgelehnt. Eine der Überlegungen ist daher eine Minderheitsregierung unter Schulze, die zumindest eine Art Duldung durch Linksaußen erhalten müsste.

Der neue Landtag müsste sich bis zum 6. Oktober konstituieren, doch es gibt kein festgelegtes Datum für die Wahl des neuen Landespräsidenten.

Warum das nicht nur eine regionale Wahl ist

Sachsen-Anhalt hat etwas mehr als zwei Millionen Einwohner und stellt einen vergleichsweise kleinen Anteil an der deutschen Gesamtbevölkerung dar. Aber die politische Bedeutung der Abstimmung ist wesentlich größer.

Würde AfD die Regierung des Landes übernehmen, wäre dies das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, dass eine rechtsextreme Formation die Leitung eines deutschen Landes innehat. Zudem sitzen die Regierungen der Länder im Bundesrat, dem Länderkammer, über die sie direkt an der Gestaltung der deutschen Gesetzgebung beteiligt sind – auch auf EU-Ebene.

Für die AfD bedeutete das der erste Einstieg in die institutionellen Strukturen Deutschlands, durch die die Regierungen der Länder an der bundesweiten Gesetzgebung beteiligt sind.

Was will die AfD tun, „die größte Bedrohung der Demokratie“

In Sachen Schule, Kultur und öffentlich-rechtlichem Rundfunk enthält das Programm der AfD Sachsen-Anhalt einige ihrer radikalsten Vorschläge. Die Partei will Schulen und kulturelle Einrichtungen stärker auf traditionellere Werte ausrichten, die Migrationspolitik verschärfen und das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem grundlegend reformieren.

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Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt stuft den AfD-Arm der Landespartei als verfassungsschutzrelevante extrem rechte Organisation ein. Die Behörde erklärt, dass einige ihrer Positionen gegen zentrale Grundprinzipien der Rechtsordnung verstoßen, insbesondere gegen den Schutz der Menschenwürde und das demokratische Prinzip.

Im 2025er Bericht bezeichnet der Landesverfassungsschutz die AfD als „die größte Bedrohung für die Demokratie in Sachsen-Anhalt“. Für Bundeskanzlerkandidat Merz ist das Wahlergebnis eines der größten journalistischen Prüfsteine seit Beginn seiner Regierung. 2021 hatte die CDU Sachsen-Anhalt mit 37,1% gewonnen, während AfD 20,8% erreichte. Heute zeichnen die neuesten Umfragen praktisch eine Umkehr dieser Kräfteverhältnisse: AfD bei ca. 41–42%, CDU bei 22–23%.

Warum die Wahlen in Sachsen Europa betreffen

Ein Sieg der AfD in Sachsen hätte eine starke politische Bedeutung für Deutschland und die übrigen EU-Mitgliedstaaten. Die AfD betrachtet Sachsen-Anhalt als Generalprobe für ein viel größeres Ziel: die Macht auf Bundesebene bei den nächsten Wahlen 2029 zu erringen.

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Ein Sieg, begleitet von der Eroberung der Regierung, würde demnach zeigen, dass das anti-extrem rechte Koalitionsbündnis umgangen werden kann, indem man allein genügend Sitze gewinnt, um sie irrelevant zu machen. Und vermutlich ist dies der Aspekt, der heute auch außerhalb Deutschlands mit der größten Aufmerksamkeit beobachtet wird: Wie stark ist die extrem rechte Kraft wirklich?

Lukas Steinberger

Lukas Steinberger

Ich bin Lukas Steinberger, Redakteur bei AUSTRIA24 TV mit Fokus auf Politik und Gesellschaft. Nach meinem Journalismusstudium in Wien habe ich für verschiedene Medien gearbeitet und mich auf analytische Berichterstattung spezialisiert. Mein Ziel ist es, komplexe Themen verständlich zu machen und die Perspektiven der Menschen sichtbar zu machen.