Für nur ein paar Euro kaufen und viel riskieren: Temu droht Rekordstrafe

10. Juni 2026

| Lukas Steinberger

Die Europäische Kommission hat Temu mit einer Geldstrafe von 200 Millionen Euro belegt, weil das Unternehmen gegen den Digital Services Act verstoßen hat – dem europäischen Regelwerk, das das Internet sicherer und transparenter machen soll. Es ist die bislang höchste Strafe Brüssels im Rahmen des DSA: Sie übersteigt die 120 Millionen Euro, die im vergangenen Dezember gegen X, das soziale Netzwerk von Elon Musk, verhängt worden waren.

Die chinesische E-Commerce-Plattform, die von PDD Holdings kontrolliert wird und dank des sehr preisgünstigen Sortiments äußerst populär ist, stand in der Schusslinie der EU-Behörden wegen des Risikos illegaler oder nicht konformer Produkte auf der Plattform. Nach Ansicht der Kommission hat Temu die systemischen Risiken, die sich aus dem Verkauf solcher Produkte ergeben, nicht identifiziert, nicht analysiert und nicht sorgfältig bewertet, wodurch potenzieller Schaden für europäische Verbraucher entstanden sein könnte.

Die Falle des Mystery Shopping

Der zentrale Punkt besteht nicht nur in der Präsenz einzelner gefährlicher Produkte, sondern in der Frage, wie die Plattform das Risiko bewertet hat – oder möglicherweise unterschätzt hat –, dass Verbraucher auf nicht konforme Artikel stoßen könnten. Bereits im Juli 2025 hatte die Kommission eine vorläufige Einschätzung veröffentlicht, wonach Mystery Shopping-Aufgaben erhebliche Gesundheitsrisiken bei Produkten wie Kinderspielzeug und kleinen elektronischen Geräten aufgedeckt hätten. Praktisch gesehen habe die Plattform ein Auge zugedrückt (vielleicht beide Augen), was die Präsenz von nicht normgerechten Waren betrifft.

Die Entstehung der Untersuchung

Mystery Shopping ist eine Ermittlungs-Technik, die Behörden ermöglicht, sich wie normale Verbraucher zu verhalten: Sie kaufen Produkte, informieren die Plattform nicht, erhalten sie und lassen sie anschließend prüfen. So kann die Kommission konkrete und unabhängige Belege sammeln, statt sich auf Aussagen des Unternehmens oder allgemeine Bewertungen zu stützen. Brüssel zufolge war die Risikobewertung, die Temu 2024 vorlegte, nicht den Standards des DSA entsprechend. Die Kommission wirft der Firma vor, sich auf allgemeine Brancheninformationen zum E-Commerce gestützt zu haben, ohne spezifische Belege dafür zu liefern, wie der Dienst tatsächlich funktioniert. Weiterhin habe die Plattform die Wahrscheinlichkeit unterschätzt, dass europäische Nutzer während des Surfens auf illegale Produkte stoßen könnten. Der Digital Services Act schreibt strengere Pflichten für sehr große Online-Plattformen vor, die sogenannten VLOP, also jene mit über 45 Millionen monatlich aktiven Nutzern in der Europäischen Union. Im Falle von Verstößen können Strafen bis zu 6 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes des Anbieters verhängt werden.

Das Ergebnis dieser Tests, die bereits im Juli 2025 begonnen hatten, war beunruhigend. Unter den heimlich bestellten Artikeln befanden sich Kinderspielzeuge, die potenziell giftig sind oder riskante, abnehmbare Teile aufweisen, sowie kleine elektronische Geräte, die Kurzschlüsse auslösen könnten.

Auch die internen Mechanismen der Plattform stehen im Fokus: Empfehlungsalgorithmen, Werbeaktionen und Affiliate-Programme mit Influencern, die die Sichtbarkeit bestimmter Produkte erhöhen können. Laut der Kommission habe Temu nicht ausreichend bewertet, in welchem Ausmaß diese Instrumente die Verbreitung illegaler oder unsicherer Artikel verstärken könnten.

Die Untersuchung geht weiter

Temu muss nun bis zum 28. August einen Aktionsplan vorlegen, der darlegt, wie man den europäischen Anforderungen gerecht werden will. In der Zwischenzeit läuft die europäische Untersuchung weiter. Im Fokus stehen nicht nur die gefährlichen Produkte, sondern auch das Design der App selbst: dieses nahezu hypnotische Muster, das eine Art Sucht erzeugt und uns dazu bewegt, Dinge zu kaufen, die wir oft gar nicht benötigen.

Die Reaktion des Unternehmens ließ nicht lange auf sich warten: „Temu – erklären sie vom Unternehmen – erfüllt die Ziele des Digital Services Act und die Notwendigkeit klarer und kohärenter Normen im gesamten Bereich der digitalen Wirtschaft. Allerdings teilen wir die Entscheidung der Europäischen Kommission nicht und halten die Sanktion für unausgewogen. Die Entscheidung bezieht sich auf unsere erste Bewertung gemäß DSA im Jahr 2024 und spiegelt nicht den aktuellen Stand unserer Systeme wider. Temu hat während des gesamten Verfahrens konstruktiv mit der Kommission zusammengearbeitet und seitdem weitere Maßnahmen ergriffen, um Risikobewertung, Governance der Plattform und Nutzerschutz zu stärken. Wir werden weiterhin in gutem Glauben mit den Regulierungsbehörden zusammenarbeiten und daran arbeiten, einen Marktplatz zu schaffen, der Verbraucher, Unternehmen und Gemeinschaften verantwortungsvoll dient. Wir prüfen die Entscheidung sorgfältig und erwägen alle verfügbaren Optionen.“

Lukas Steinberger

Lukas Steinberger

Ich bin Lukas Steinberger, Redakteur bei AUSTRIA24 TV mit Fokus auf Politik und Gesellschaft. Nach meinem Journalismusstudium in Wien habe ich für verschiedene Medien gearbeitet und mich auf analytische Berichterstattung spezialisiert. Mein Ziel ist es, komplexe Themen verständlich zu machen und die Perspektiven der Menschen sichtbar zu machen.