So wollen sie euch Leber (und euren Geldbeutel) mit Epsomsalzen reinigen
In den letzten Monaten kursieren Videos, die das sogenannte “Leberwaschen” durch die orale Einnahme von Epsomsalzen vorschlagen. Diese Praxis ist in ganzheitlichen Kreisen weit verbreitet und wird als natürlicher Weg präsentiert, die Leber zu „entgiften“ und die Gallengänge zu „befreien“. Das Problem ist, dass nichts davon wissenschaftlich belegt ist. Und in einigen Fällen kann es gefährlich sein.
Um dieses Salzeingeständnis ganzheitlich zu beleuchten, haben wir mit Francesco Domenico Nucera, einem chemisch-physikalischen Wissenschaftler, gesprochen, der die Aufklärungsseite Pillole di chimica betreibt.
Was sind Epsomsalze wirklich?
Aus chemischer Sicht haben Epsomsalze die Formel MgSO₄·7H₂O: Magnesiumsulfat-Heptahydrat, also Salze, die aus Magnesiumionen (Mg²⁺) und Sulfationen (SO₄²⁻) bestehen. Es ist kein „Kochsalz“ (NaCl), sondern eine andere Verbindung, auch als Bittersalz oder englisches Salz bekannt aufgrund des Geschmacks.
Die Einnahme von Magnesiumsulfat gilt nur unter bestimmten Bedingungen und in zugelassenen Dosierungen als sicher. MgSO₄ wird tatsächlich als Abführmittel eingestuft: Orale Verabreichung zieht Wasser in den Darmlumen, erhöht den Flüssigkeitsgehalt des Stuhls und regt die Peristaltik an. In der medizinischen Praxis wird es als schnelles Abführmittel oder zur Darmpreparation verwendet, jedoch immer unter Aufsicht von medizinischem Personal, weil:
- ein Überschuss an Magnesium eine Hypermagnesiämie verursachen kann, mit Symptomen von Übelkeit und Hypotonie bis zu Atemdepressionen bei schweren Fällen;
- der osmotische Effekt zu Dehydration und Elektrolytstörungen führen kann;
- es bei Personen mit Niereninsuffizienz kontraindiziert ist, da die Nieren das überschüssige Magnesium ausscheiden.
Kurz gesagt: Es ist kein harmloser Kräutertee, sondern ein Medikament, und wie ein solches sollte es behandelt werden.
Der Mythos der Leberentgiftung
Ausgangspunkt ist zu erinnern: Die Leber muss nicht „gewaschen“ werden, denn sie ist bereits das Organ, das die Entgiftung des Körpers übernimmt.
„Es existieren keine soliden wissenschaftlichen Belege dafür, dass ein Bad oder die Einnahme von Epsomsalzen die Entgiftung der Leber, die Ausscheidung von angesammelten Toxinen oder die Reinigung der Gallengänge erleichtert“, bestätigt Nucera. „Die orale Einnahme (Wasser mit Epsomsalzen zu trinken) ist zwar als gelegentliches Abführmittel zugelassen, doch entspricht dieser Gebrauch nicht einer ‘Leberentgiftung’ und kann Nebenwirkungen verursachen – Durchfall, Dehydration und Elektrolytstörungen – insbesondere bei Personen mit Nierenschwäche oder anderen Erkrankungen.“
Übersetzt: Personen, die in ganzheitlichen Zentren für ein „Leberwaschen“ bezahlen, zahlen tatsächlich für ein Abführmittel und setzen sich zudem realen Risiken aus.
Andere (wirkliche) Anwendungen von Epsomsalzen
Epsomsalze finden auch kosmetische Anwendungen – entspannende Bäder, Peelings, Fußbäder – mit rein ästhetischen und komfortbezogenen Zielen. Aber auch hier gilt: Bodenständigkeit wahren.
„Es gibt keinen Beleg dafür, dass Magnesium aus dem Badewasser durch die Haut in relevanten Mengen aufgenommen wird“, erklärt Nucera. „Einige Studien berichten zwar von einem moderaten Anstieg von Magnesium und Sulfat im Blut nach Badsalzbädern, doch die Wirkung ist stark begrenzt.“ Die Haut, erinnert der Chemiker, „ist eine Barriere, kein Schwamm“.
Es gibt auch Anwendungen in der Landwirtschaft, als Quelle von Magnesium und Schwefel für den Boden, besonders in ärmeren Böden. Und oft entstehen daraus pseudowissenschaftliche Narrative: Man beginnt mit einer realen chemischen Grundlage, zieht sie hinaus und kommt zu Versprechen, die die Wissenschaft nicht bestätigt.
Warum Pseudowissenschaften Erfolg haben
„Leber und Nieren erfüllen bereits hervorragend ihre Rolle bei der Entgiftung unseres Körpers“, erinnert Nucera. „Die Nieren sind eine echte Reinigungsanlage, ein Filter, der unseren Abfall mit dem Urin ausscheidet, und die Leber ist eine echte Industrie: Sie kann praktisch alle Schadstoffe abbauen, die uns schaden könnten. In der Chemie gibt es kein Molekül, das universal für alle Toxine nützlich ist, genauso wenig wie es ein Medikament gibt, das für alle uns bekannten Erkrankungen geeignet wäre.“
Und warum gedeihen diese Praktiken dann weiter?
Das Versprechen ist einfach und verführerisch: Giftstoffe entfernen, reinigen, neu starten. Es ist die perfekte Erzählung in einer Ära, in der Gesundheit als etwas gesehen wird, das man durch schnelle Rituale, pseudo-natürliche Methoden und möglicherweise auf Instagram oder TikTok teilbar „in Stand halten“ kann. Eine Sprache, die eher den Bauch anspricht als den Verstand.
Aber die Physiologie lässt sich von Social-Trends nicht bezaubern: Unsere Organe funktionieren nicht wie Rohre, die man mit einem Wunderprodukt freimachen kann.
Die Rolle der Wissenschaftsgemeinschaft – und der Kittelträger
Und hier kommt ein weiterer problematischer Faktor: Die Verbreitung dieser Praktiken betrifft nicht nur das allgemeine Publikum. Viel häufiger sind es Ärzte, Gesundheitsfachkräfte oder quasi-professionelle Akteure, die unbegründete Narrationen verbreiten und ihnen eine unberechtigte Glaubwürdigkeit verleihen.
Und hier tragen die Wissenschaftsgemeinschaft und Gesundheitsinstitutionen eine entscheidende Verantwortung: Sie müssen nicht nur vor Falschnachrichten in sozialen Medien schützen, sondern auch vor pseudowissenschaftlichen Behauptungen von Personen im Kittel. Denn wenn eine Autorität spricht, wird die Grenze zwischen Fürsorge und Illusion äußerst dünn.
Es geht hier nicht nur um die Richtigkeit der öffentlichen Debatte, sondern um die Sicherheit der Menschen. Und das Recht jedes Einzelnen, auf Grundlage von Evidenz behandelt – oder einfach beraten – zu werden, nicht nach Trend des Moments.