Ein 55 Jahre alter Mann steht in Lyon vor Gericht und sieht sich einer schweren Anklage gegenüber: Er soll im Mai 2022 einen Nachbarn und Freund, René Hadjadj, getötet haben, indem er ihn aus dem 17. Stock des Wohngebäudes stürzen ließ. Der Angeklagte, Rachid Kheniche, gesteht die Tat, bestreitet jedoch das Motiv und weist jede antisemitische Absicht zurück. Für die Staatsanwaltschaft hingegen wäre der Mord aufgrund der Religionszugehörigkeit des Opfers verübt worden – eine erschwerende Begründung, die zum zentralen Streitpunkt des Verfahrens wird und vom 2. bis zum 6. Februar 2026 vor der Cour d’assises du Rhône verhandelt werden soll.
Hadjadj wohnte im zweiten Stock eines Gebäudes im Viertel Duchère. Am Abend des 17. Mai 2022 wurde sein Leichnam am Fuß des Gebäudes aufgefunden. Kheniche, der im 17. Stock wohnte und den älteren Mann regelmäßig traf, wurde kurz darauf festgenommen. Den Ermittlungen zufolge versuchte er während einer Auseinandersetzung zunächst, ihn zu würgen, und zog ihn dann zum Balkon, sodass dieser in die Tiefe stürzte. Der 55-Jährige, arbeitslos und ehemaliger Drogennutzer, lebte nach mehreren Trennungen allein.
„Die Realität des Mordes ist anerkannt, es ist die antisemitische Motivation, die bestritten wird“, erklärte die Verteidigerin Océane Pilloix. Kheniche habe den Ermittlern berichtet, an jenem Tag einen paranoiden Anfall gehabt zu haben. Die Staatsanwaltschaft von Lyon hob jedoch eine mögliche antisemitische Motivation nach Auswertung von Teilen des Social-M-Media-Profils des Täters hervor und fordert, dass diese erschwerende Begründung in der Verhandlung diskutiert und bewiesen wird. Die Verhandlungswoche soll klären, ob die Tat das Opfer aufgrund seiner jüdischen Religionszugehörigkeit treffen sollte oder ob es sich um eine Auseinandersetzung zwischen Nachbarn handelt, die sich in einem paranoiden Zustand entwickelt habe.