Dreierbeziehung in der Primetime bei Rai – der Mut von „Un Professore“
Es war das Jahr 2016, als erstmals in Rai 1s Primetime eine schwule Kuss-Szene gezeigt wurde. Den Weg dorthin ebnete die Serie „Un medico in famiglia“, die in der zehnten Staffel, gestützt auf die große Zuneigung des Publikums, vielleicht die einzige fiktionale Serie war, die sich das leisten konnte und die es ihr ermöglichte, der Kritik der Konservativen zu entgehen. Die Kritiken blieben natürlich nicht aus, doch der tiefgreifende Wandel, den die Gesellschaft endlich zu akzeptieren begann, konnte auch das Fernsehen nicht unberührt lassen.
Und doch, fünf Jahre später, als die historisch angelegte Serie „Leonardo“ die Liebesgeschichte zwischen dem Protagonisten und seinem Lehrling Salai schilderte – erneut auf Rai 1 – wirkte es so, als würden die Kommentare in den sozialen Medien uns wieder in die Dunkelheit zurückversetzen.
Ein Professor erhöht den Maßstab
Heute, wo homosexuelle Szenen im Fernsehen kein Aufsehen mehr erregen, setzt „Un professore“ Maßstäbe. Die dritte Staffel der Serie mit Alessandro Gassmann in der Rolle des Philosophieprofessors Dante Balestra verzeichnet erneut die übliche Einschaltquote, auch wenn es nicht an einiger Kritik über ein Drehbuch mangelt, das in diesem Jahr zu sehr bestimmte Entwicklungen zwischen den Figuren zu überzeichnen scheint. Aber das gehört eben – mehr oder weniger – zu Serienformaten.
Was jedoch wirklich gut gelingt, ist ein Schritt weiter – der bisher fehlte – in der sozialen und generationellen Erzählung. „Un professore“ geht über Liebe und schwulen Sex hinaus und richtet die Kamera auf Nuancen, die noch feiner und weniger erforscht sind, in den aktuellen Beziehungsformen, und schenkt ein deutlich nicht wertendes Porträt der Fluidität.
Der Mut, eine Generationen-Schnittaufnahme zu erzählen
Die gestrige Sendung hat nicht nur das Thema des fließenden Eros und der Polyamorie berührt, sondern es mutig und ohne Scheu erforscht. Vom ambivalentesten Liebesdreieck zwischen Simone, Thomas und Greta bis zur Dreier-Beziehung Laura, Luna und Matteo. Ein perfekter Schnappschuss einer Generation, der oft aus Scham und Vorurteilen ignoriert wird – angefangen bei den Familien.
Die Szene, in der zwei Mädchen und ein Junge eine sexuelle Annäherung erleben – die anschließend doch nicht vollzogen wird – ist für viele Erwachsene hart zu verdauen, aber sie ist grundlegend, um die sexuell-affektive Revolution zu verstehen, die die Jüngeren gerade erleben.
Das bedeutet nicht, anderen – schon gar nicht einer TV-Serie – zu überlassen, was richtig oder falsch ist, noch Verhaltensweisen zu rechtfertigen, die man persönlich für unsinnig hält, sondern eine Veränderung zur Kenntnis zu nehmen und ein gewisses Bewusstsein zu entwickeln, das dem Dialog und der Erziehung dient.
Das macht „Un professore“. Und das sehr gut. Es eröffnet Nachdenken und Dialog, erzählt mit großer Intelligenz und Zartheit von der neuen Generation, die sich weiterhin in die jüngeren Lehrer verliebt, in den Mitschüler oder in die Mitschülerin – oder vielleicht in beide. Ein Tabu, das früher oder später abgebaut werden musste. Nicht unbedingt mit Zustimmung, sondern auch nur aus reiner Erkenntnis. Denn offen hinzusehen ist für alle weniger gefährlich.
Das sollte die Aufgabe der viel diskutierten sexuellen- affektiven Bildung in den Schulen sein. In der Zwischenzeit ist das Fernsehen glücklicherweise auch eine gute Lehrmeisterin.