Nach dem ersten, vor fünf Jahren erschienenen Debütband „Del Bicchiere mezzo pieno, quando nella vita conta lo sguardo“ kehrt Paolo Massobrio, ein langjähriger Wein- und Gastronomiekritiker, mit einem neuen Erzählband zurück: „Bevor die Zeit vergeht, zählt der Augenblick im Leben“ (Golosario&Golosaria-Verlag, 216 Seiten – 18 Euro). Und hier verzichtet der Autor auf die üblichen Rezensionen seiner bekanntesten Ratgeber, die unter dem Namen IlGolosario erscheinen, und lässt sich stattdessen von den Begegnungen leiten, die ihm im Verlauf seines Berufs als Journalist widerfahren.
Um Lebensgeschichten zu erzählen, die zum Nachdenken anregen, spannt sich der Bogen über eine Zeit, die in die bäuerliche Vergangenheit des Monferrato reicht. Massobrio durchläuft Jahre des Lernens, der Arbeit und der Verkostungen quer durch Italien und kehrt schließlich zwischen die Hügel seines Monferrato zurück, um den Sinn des Unendlichen zu erforschen. Dabei treten nicht vor allem verführerische Düfte hervor, sondern Erscheinungen von Menschen, die dem Leben Geschmack geben können. Genau das will der Autor auch dem zukünftigen Bild des Lebens vermitteln, das der dritte Teil des Buches ist – eingeleitet durch die Kapitel „Gestern“ und „Heute“.
Insgesamt 40 Erzählungen, geschrieben nach der Tagebuchsequenz, untersuchen das Leben, aber auch den Tod: In beiden Fällen entsteht stets eine Sinngebung, die dem Autor wie Salz ist, das Speisen Geschmack verleiht. Die Erkundung bringt überraschende Momente hervor, die von Sumito Estevez‘ Venezuela bis zu Fides Marzi’s Burundi reichen, durch alle Regionen Italiens, mit einem besonderen Fokus auf die Stärke der Frau, insbesondere der Winzerin. Und dann die Suche nach Augenblicken: Im Schweigen eines Morgens hinter dem Monviso oder am Tisch eines Benediktinerklosters. Am Ende erkennt man, wie viel Menschlichkeit Massobrio entdeckt hat – zwischen dem Glas in der Hand bei einer Degustation und dem bereitstehenden Besteck.